Die Wahrheit

Hart wie Wellblech

Neuseelandwoche der Wahrheit: Wie die Kiwi-Männer wirklich sind.

Neuseelands Männer stellen gern eine wichtige Frage: Wer hat den größten und längsten Gummistiefel?  Bild: dapd

Da ich mich noch nie auf einen Kiwi eingelassen habe, bin ich frei von allen amourösen oder erpresserischen Verstrickungen mit den Landsleuten meiner zweiten Heimat. Ich kann sie objektiv beurteilen, vor allem die Männer. Die sind in Neuseeland bei den Frauen sehr begehrt, da es einen weiblichen Überschuss von 50.000 unter den 25- bis 49-Jährigen gibt. Was diesen Frauen fehlt, ist der TKB, oder „typical Kiwi bloke“: ein Kerl, der so archetypisch für die zwei Inseln am Rande der Südsee ist wie das Schaf. Denn beide gehören zusammen. Nicht im fleischlichen Sinne, auch wenn das gern in England und Australien behauptet wird.

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Dort kursiert der Witz, warum Kiwis so gern Gummistiefel tragen. Dass man in die „gum boots“ angeblich so gut die Vorderbeine eines Schafes reinstecken kann, ist nicht komisch, sondern eine üble und auf nichts als zweifelhafter Sexualstatistik beruhende Verleumdung – also das mit den Schafen, nicht mit den Gummistiefeln. Die tragen Kiwis wirklich oft und gern.

Im Städtchen Taihape gibt es einen jährlichen Gummistiefelweitwurf einmal die Hauptstraße entlang. Das abspritzbare Schuhwerk verträgt sich nicht nur gut mit der bäuerlichen Herkunft, sondern dem rundum gummierten Sommerurlaub auf dem Campingplatz, dessen Ziel darin besteht, es länger als die Zeltnachbarn in Schlamm und Regen auszuhalten. Ein TKB reist niemals bei schlechtem Wetter ab, denn dann könnte er für ein Weichei gehalten werden.

Ein TKB muss dennoch niemandem etwas beweisen. Er ist bescheiden und genügsam, stellt sein Licht gern unter den Scheffel, gibt niemals mit seinen durchaus vorhandenen geistigen Fähigkeiten an und hasst vor allem eins: Wichtigtuer. Also Leute, die über Bücher reden statt über Rugby oder ihre Beziehung in mehr als drei Grunzlauten umreißen. Das sind womöglich JAFAs („Just Another Fucking Aucklander“) und sollten besser „nach drüben“ gehen, also nach Australien.

Ein TKB ist nicht aus Zucker, daher gelten für ihn folgende Grundregeln: Zwischen Ende des Winters und dem Spätherbst keine Socken tragen. Wer zu einer Beerdigung muss oder zu verweichlicht ist, um barfuß zu laufen, darf ausnahmsweise Gummilatschen anziehen – und im Winter Gummistiefel. Wenn der Asphalt auf dem Parkplatz zum Getränkegroßmarkt zu heiß ist, kann man auf den weißen Linien laufen. Wer sich dabei einen Splitter einfängt, muss ihn ignorieren, bis er allein zu Hause ist und der Hund das Ding aus der Fußsohle herauskauen kann.

Ein TKB lebt im Freien. Wenn Rugby läuft, stellt er den Fernseher nach draußen und grillt. Er nimmt auch Fische aus, kickt gern gegen Autoreifen und schießt auf Possums. Nie würde ein TKB eine vegetarische Wurst essen oder dabei ertappt werden, wie er Sonnenschutzmittel aufträgt. Sonnenmilch ist für „Pussies“, also Muschis. Schutzfaktor 30 ist für Ober-Pussies. Ein TKB errechnet den korrekten Schutzfaktor, indem er sein Alter plus zwei addiert und dann sein Alter abzieht. Nicht im Traum würde er jemanden bitten, ihm Sonnencreme aufzutragen. Wo er nicht rankommt, wächst ein Melanom, basta. Alles andere ist schwul.

Schwul ist auch, sich Sachen anzuziehen, die nicht Surfshorts oder ein verwaschenes T-Shirt sind, auf dem man eine Biermarke spazierenführt. Alle künstlerischen, modischen, farblichen Ambitionen haben sich einzig und allein in der Tätowierung von Armen und Brustkorb auszudrücken, aber niemals in der Kleidung.

Ein TKB ist der Mann, den man in einer Naturkatastrophe schätzen lernt, auf einem sinkenden Schiff oder bei jeder Art von Stromausfall und technischem Versagen. Er repariert dir das Auto mit ein paar Stücken Draht, kann einen Anhänger rückwärts einparken und aus Wellblech die erstaunlichsten Sachen wie Plumpsklos, Dächer und Zäune zaubern.

All das stellt der TKB im „shed“ her, seinem Schuppen, der ihm so heilig und ähnlich penibel sortiert ist wie bei einer Dame von Welt der Schminkkoffer. Der „shed“ mutiert oft zur „man cave“, wo die Kumpel des TKBs Bier selbst brauen und einen Ersatz für die Hütte finden, die sie sich früher im Wald bauten. Jeder ernst zu nehmende TKB hat eine „man cave“ oder träumt zumindest von einer, es sei denn, er ist ein JAFA.

Wenn der TKB einen Anflug von Leidenschaft spürt, von Verwegenheit, von ungezügelter Emotion, die raus muss, dann baut er an den Schuppen noch etwas dran. Das ist dann der „lean-to“, der „angelehnte Teil“. Dafür muss man ihn loben, diesen Mann, und lieben, wie er ist – hart wie Wellblech, einsilbig, gutherzig und sonnenverbrannt. Möge er niemals aussterben und immer ein Stück Draht parat haben.

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10. 10. 2012

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