Die Wahrheit

Im Rausch der Trommeln

Neulich musste ich mich einmal mehr von einem lieb gewonnenen Vorurteil befreien.

Neulich musste ich mich einmal mehr von einem lieb gewonnenen Vorurteil befreien. Jedenfalls hegte und pflegte ich jahrelang eine heftige, fast körperliche Abneigung gegen Trommler. Nichts gegen grimmig schwitzende Präzisionsarbeiter, wie meinetwegen Dave Lombardo von Slayer, hinter ihren polyperkussiven Gefechtsständen.

taz paywall

Ist Ihnen dieser Artikel etwas wert?

Mehr Infos

taz.de

Nein, was mich zuverlässig verdross, das waren Bongo, Conga, Djembé oder Batá sowie die barfüßigen Gestalten in Pluderhosen, die selig lächelnd darauf herumklöppelten. Gern am Strand, vor untergehender Sonne, ba-gabumm, ba-gabumm.

Oder eben im nächtlichen Hof einer schnuckeligen Finca an der iberischen Mittelmeerküste, gleich neben einem atombombenförmigen Gastank. Nachdem ich mich dort lange genug über meine beiden trommelnden Gastgeber lustig gemacht hatte, wurde ich schließlich hinzugebeten. „Nimm die Djembé zwischen deine Beine“, sagte Wolfgang ruhig: „Streiche über ihr Fell. Nun schlage sie sanft. Spüre den Bass, er kommt aus der Mitte. Ja, genau so! Und nun mach einfach weiter …“

Ich machte weiter, mein Lehrer fiel mir ein, Manuel auch, und prompt gerieten wir selig lächelnd in eben jene archaische Trance, die ich als vorurteilsgebeugter Außensteher stets verachtet hatte. Ba-gabumm.

Zwei Stunden, fünfzehn Bierdosen und neun Joints später erschien es uns ratsam, unseren zu diesem Zeitpunkt bereits recht ausgereiften Sound ein wenig zu erweitern. Wolfgang begann, den gewaltigen Gastank zunächst mit der flachen Hand, später mit einer Schaufel zu bearbeiten. Der Bass war von einer Majestät, wie sie nur ein stählerner Resonanzkörper von fast fünf Kubikmetern hervorbringen kann, in dem noch ein paar Liter flüssiges Propangas schwappen. Phä. No. Me. Nal.

Vor meinem – zugegeben: schon etwas vernebelten – geistigen Auge sah ich den Siegeszug des Gastanks in der modernen Musik förmlich vor mir. Dubstep wird ohne Gastank bald so undenkbar sein wie Miles Davis ohne Tröte. Es werden Sonaten geschrieben werden für Klarinette und Gastank. Es wird in den Konzerthäusern der Welt künftig Rampen geben müssen für Gabelstapler, die den Gastank dezent auf der Bühne platzieren.

Es wird Gastankvirtuosen geben, die sich die schwieligen Handflächen versichern lassen, und Gastankstimmer, die für das richtige Gaslevel sorgen. Ein Beruf, für den sich vor allem ehemalige Mitarbeiter vom Kampfmittelräumdienst anböten.

Als schon die rosenfingrige Morgenröte nach uns griff, erweiterten wir unseren Sound erneut ins Unbekannte. Zu Djembé und Gastank kamen nun die Geräusche, die sich der Motorhaube eines vor dem Haus geparkten Mercedes entlocken ließen, der sich mit dem freudig heulenden Uiuiui seiner Alarmanlage an unserer Session beteiligte.

Irgendwann war uns, als mischte sich eine aufgeregte Polizeisirene in unser Crescendo. Und so kam es, dass ich ein weiteres Vorurteil fahren lassen musste. Musikkritik kann schlechte Musiker tatsächlich zum Schweigen bringen. Zumindest dann, wenn sie Uniform trägt.

Die Wahrheit auf taz.de

 

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Wenn Sie Ihren Kommentar nicht finden, klicken Sie bitte hier.

Geben Sie Ihren Kommentar hier ein