Die Wahrheit

Zisch in die Poren

Der Wahrheit-Service für die halbwegs kalte Jahreszeit: Die elf wichtigsten Sauna-Aufgüsse des Winters. Nur bei 90 Grad lesen!

Mit Maggi oder Tequila kommt die Sauna gleich viel besser.  Foto: Imago/ITAR-TASS

Winterzeit ist Saunazeit, und beim Aufguss gibt man sich längst nicht mehr mit Latschenkiefer und Eukalyptus-Menthol zufrieden. Munter wird alles Mögliche zusammengerührt und -geschüttelt: Kirsch-Banane, Kräuter der Provence, Blaubeer-Kokos-Lavendel, Menthol-Kohlrabi – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Die saunaerfahrene Wahrheit gibt einen Überblick über die heißesten Aufguss­trends der kalten Jahreszeit.

1. Der Hefeweizen-Aufguss

Wenn Sie der Saunameister überrascht mit der Ankündigung: „So, nu jib t ’s en Aufjuss mit Hefeweizen, ehemalije Alkis sollten jetz die Biege machen, wa!“, ist Flucht angeraten. Nach zwei Kellen Hefeweizen auf den heißen Stein riecht es nämlich weder nach Bier noch nach Weizen, sondern wie in einer Backstube, nach Hefe. Nach zwei weiteren Kellen riecht es wie in einem Brot. Nach dem Wedeln ist man selbst das Brot und versteht, wieso „Bernd das Brot“ so ist, wie er ist. „Schneid mich, schmier mich, iss mich“, mosert man und springt ins Tauchbecken. In manch einer Sauna heißt dieser Aufguss gleich „Brot-Aufguss“.

2. Der Maggi-Aufguss

Mit herb-süßlicher Zitrusnote werden Körper und Geist leicht winterlich im Gemüt. Olfaktorische Mentalvitamine sorgen für synaptische Erfrischung, die Maggi-Note wirkt stimulierend sowie appetitanregend auf Suppengrün und serbischen Bohneneintopf.

3. Der Kartoffel-Aufguss

Wirkt ausdauer- und belastungsfördernd. Dem Aufgusswasser werden ein paar Esslöffel Salz sowie Rosmarin beigesetzt. Nach 25 bis 35 Minuten sticht man mit einer Gabel alle Saunierenden an, ob sie gar sind.

4. Der Tequila-Aufguss

Auf den Ofen kommt ein Glas Tequila. Dazu werden geeiste Zitronen gereicht. Während des Wedelns beißt man in die Zitrone, zuvor leckt man das Salz von der Haut des Sitznachbarn. Wirkt gesellig und stimulierend.

5. Der Lachs-Aufguss

Aufgegossen wird mit Fischwasser und Kräutern, und zwar, bis alle Saunierenden eine lachsrosa Färbung haben. Dann reibt man sich mit einer Honig-Dill-Paste ein. Dadurch bekommt das Hautbild einen leicht schuppigen Glanz. Danach geh t ’s zurück in die Trockensauna für den Dill-Meerettich-Aufguss.

6. Der Döner-Aufguss

Beliebt vor allem in Berlin. Ein klassischer Aufguss mit den ätherischen Ölen aus Knoblauch, Kräuter oder Scharf. Die Saunierenden verlassen die Trockensauna erst dann, wenn sie oberflächliche Verbrennungen aufweisen und sich erste Hautfetzen lösen. Dann geh t ’s gleich weiter in den Brot-Aufguss.

7. Der vegane Aufguss

Zu Weltmusik von mindestens 300 Jahre unterdrückten Saminnen und Samen werden fair gehandelte Öle aus Demeter-Biofrüchten dem Aufgusswasser beigegeben, natürlich nur regionale Früchte der Saison. Im Winterhalbjahr daher beliebt: Aromen von Sauerkraut oder Porree-Hagebutte. Auch während des Aufgusses dürfen alle rein, die reinwollen, da niemand ausgegrenzt werden soll, und dürfen alle gehen, wann sie wollen, da niemand in seiner Freiheit eingeschränkt werden soll. Der Aufguss verpufft daher ohne Wirkung, obwohl mit einem lila Handtuch gewedelt wird.

8. Der Ostalgie-Aufguss

In einigen Traditionssaunen in Brandenburg oder Sachsen wird noch diese traditionelle Aufgussvariante aus DDR-Zeiten gepflegt. Aufgegossen wird mit Leitungswasser. Man hatte ja nüscht. In der Vorweihnachtszeit wird dem Leitungswasser etwas Persipan beigemischt. Zu hohen sozialistischen Feiertagen wird die Sauna sogar angeheizt auf 40 Grad.

9. Der Ingwer-Aufguss

Beliebt vor allem in kleinen Indie-Saunen alternativer Stadtteile, wird den Flavourstyles der jungen urbanen Generation Rechnung getragen. Aufgegossen wird daher in englischer Sprache. The infusion for a better world belebt die mentalen Skills, während des hippen Rituals werden drei Flaschen Bionade Ingwer-Orange über dem Saunaofen ausgekippt. Das anschließende Wedeln macht den kreativen Kopf frei für neue positive Power-Projekte.

10. Der Koks-Aufguss

Übertroffen wird dieses Trendbewusstsein nur noch in den Design-Saunen der Medienmetropolen Hamburg und Berlin. Individuelle Frottierware von Abercrombie & Fitch und Badelatschen des Labels Lala Berlin gehören hier zum Standard. Die Kreativärsche betten sich auf Holzbänken aus Nussbaumwurzel vorm Bulthaup-Saunaofen mit handgeschliffenen Saunasteinen aus Plutonit. Zu smoothen Elektroklängen erfolgt dann der Cranberry-Koks-Aufguss. Beim folgenden Chillen werden Kampagnen ersonnen, man tauscht Visitenkarten oder Geschlechtskrankheiten aus.

11. Der Schweiß-Aufguss

Gegen derlei Auswüchse gibt es aber auch schon eine Gegenbewegung, zurück zu den Ursprüngen der Saunakultur, back to the basics. Dafür steht zum Beispiel der Schweiß-Aufguss. Schwitzen in Schweißaroma ist Sauna in doppelter Potenz, Sauna hoch zwei. Der Aufguss markiert Härte und sexuelles Ausdrucksvermögen, fördert die Durchblutung und den Hormonausstoß. Eine dringende Warnung muss allerdings ausgesprochen werden: Danach unbedingt im Tauchbecken abkühlen, sonst versucht „Mann“ irgendwann, den Saunaofen zu begatten.

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