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Die WahrheitUnd mächtig gar knurrte der Berggeist

Die Tschechische Woche der Wahrheit: Ins düstere Reich der Sagengestalt Rübezahl zieht die moderne Bürokratie ein.

Gefährlich knurrend erhob sich nur langsam die Sonne über dem düsteren Riesengebirge. Der Nebel hing noch träge, schwer und grantelig über den Wipfeln und Gipfeln der schroffen Landschaft und griff mit kalten Fingern in das wild wuselnde Haupthaar und den struppigen Bart des alten Berggeistes. Heute, das merkte Rübezahl sogleich, heute hatte er extrem schlechte Laune.

Seit tausend Jahren machte er stets dasselbe: Marktweiber oder Wanderer erschrecken und narren, das Wetter aus purer Willkür nach seinen Wünschen biegen, Menschen zu Stein erstarren lassen oder sie in polnische Kolatschen verwandeln. Auch ließ er nicht davon ab, seine Gestalt in alles Mögliche zu verändern und kleine Kätzchen oder andere lästige Brut freundlich vom Baum zu holen oder mit bösem Kichern draufzusetzen. So Sachen halt.

Ein einziges Mal war er verliebt gewesen. Zwar war er längst darüber hinweg, schon lange, doch schwor er jeden Tag und jede Nacht, quasi jede Sekunde seines Lebens ihr, der schönen, schlesischen Königstochter Emma, bittere Rache!

Er reckte und streckte sich zornig grunzend. Bereit, jederzeit Stürme und Gewitter herbeizuzürnen, ja ganze Reisegruppen in kantige Felsspalten zu jagen und dort zu foppen. Und gleich hörte er auch schon eine dieser wandernden Gruppen sich mit fröhlichem Gesang über die sich in vielen Kurven und Kehren windenden, steilen Wege herannahen.

„Zaskatalogizujeme všechno, co není do tří na stromě, fallera …“, tönte es munter aus sieben Kehlen. Und hastenichgesehn krabbelten sieben kleine Männer den letzten, schwierigsten Abhang bis zu Rübezahls Ruhelager hinauf. Mit ihrem abscheulichen Krakeel hörten sie erst auf, als sie direkt vor ihm standen und in seine glutroten, funkensprühenden Augen blickten.

Anführer mit Hornbrille

Die Männlein trugen alle beigefarbene Funktionsjacken, graue Wandersocken, braune Aktentaschen und so routinierte Gesichtsausdrücke, als würden sie jeden Tag einen zürnenden Berggeist belästigen. Allen voran ging ein Mann mit einer schwarzen Hornbrille. Offensichtlich der Anführer oder König, denn er war der einzige mit Hornbrille.

„Guten Morgen“, begann der Anführer zu sprechen und, ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort: „Wir sind die interministerielle Arbeitsgruppe zur Erfassung, Bewertung und gegebenenfalls Genehmigung naturbezogener Erscheinungsformen im grenznahen Mittelgebirgsraum zwischen Tschechien und Polen. Sind Sie Herr Rübezahl und haben die Zuständigkeit für dieses Gebiet?“

Rübezahl erhob sich mit drohender Gebärde. Ein gewaltiges Knacken fuhr durch seine alten Knochen, so laut, dass vier Tannen umkippten und ein Felsbrocken von beträchtlicher Größe mit viel Krawumm zum Tal hinab rollte und eine Herde Bergziegen mit sich riss. Alle sieben Aktentaschenmänner zogen gleichzeitig Klemmbretter hervor und begannen, eifrig irgendetwas auf Zettel zu kritzeln. Der Hornbrilleträger murmelte dabei vor sich hin: „Objekt weist erkennbare Vorbehalte gegen die verfahrensrechtliche Einordnung auf.“

Rübezahls Wut steigerte sich proportional mit seiner Größe, sein Leib schwoll auf die Ausmaße der Prager Burg an. „Ich bin der Herr dieses Gebirges!“, rief er mit einer Stimme wie Donnerhall. „Ich herrsche hier seit tausend Jahren, ihr X-beinigen Frettchen! Dies ist mein Reich!“

Der Hornbrillenkönig runzelte die Stirn und blätterte in seinen Zetteln. „Nach unserer derzeitigen Aktenlage ist die territoriale Zuständigkeit nicht abschließend geklärt. Können Sie sich ausweisen?“

Führer mit Formular

Rübezahl fühlte sich plötzlich sehr, sehr matt, das hätte aber auch an den sieben Fässern Staropramen und 850 Portionen böhmischer Houbová Smaženice liegen können, die er am Vorabend verputzt hatte. Der Funktionsjackenanführer hielt ihm ein Formular entgegen. „Wenn Sie sich nicht ausweisen können, dann müssen Sie das hier ausfüllen“, erklärte er trocken.

Rübezahl rief: „Ich bestimme hier über Stürme und Fluten! Ich kann euch mit einem einzigen Wimpernzucken zu Stein verwandeln.“ Der Anführer der interministeriellen Arbeitsgruppe blieb unbeeindruckt. „Dennoch müssen Sie das Formular ausfüllen.“ – „Ich kann ganze Täler unter Wasser setzen!“, legte Rübezahl nach. Der Sprecher und seine sechs Gefolgsleute blätterten ungerührt in ihren Zetteln und berieten sich. „Dafür wäre dann allerdings das Wasserhaushaltsrecht einschlägig zuständig“, resümierte er schließlich, „nun füllen Sie bitte das Formular aus.“

Gerade wollte Rübezahl zu einem neuen Zornesausbruch ansetzen, da überlegte er es sich anders. „Ach, gib her den Wisch!“, sprach er in gemäßigtem Ton und warf einen Blick auf das Blatt. Und brüllte sofort wieder auf wie ein verwundetes Tier. „Nationalität?!“, schrie er mit hochrotem Kopf, „was soll ich denn da ankreuzen?“ Das war tatsächlich ein Problem, denn er war zu 33⅓ Prozent Tscheche, zu 33⅓ Prozent Pole, zu 33⅓ Prozent deutscher Sagenschurke und zu 100 Prozent bürokratisch überfordert, sobald er ein Formular ausfüllen musste.

Wie aus einem Reflex schleuderte er Blitze auf zwei der Männer, die sich sofort in einen Baum und einen Felsen verwandelten. Der Anführer blätterte abermals in seinen Papieren: „Haben Sie zuvor den dafür notwendigen Antrag auf Genehmigung zur Änderung des Flächennutzungsplans eingereicht?“, fragte er höflich. „Wenn nicht, brauchen Sie das entsprechende Formular und zusätzlich noch den Antrag auf Genehmigung zur Erstellung einer Ausnahmegenehmigung für übernatürliche Erscheinungsformen.“

Seit jenem Tag wurde der mächtige Berggeist Rübezahl nicht mehr gesehen. Ein Gerücht besagt, er sei nach Polen geflohen. Manche wollen jedoch wissen, er habe sich tief in den Bergen versteckt. Doch die Wahrheit ist viel schlimmer: Er sitzt seit 300 Jahren vor Zimmer 319 der möglicherweise zuständigen Behörde und wartet darauf, dass er drankommt. Da kann er noch lange warten: Er hat vergessen, ein Nummernkärtchen zu ziehen.

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3 Kommentare

  • Klaus Franz

    "Rübezahl" ist eine Fremdbezeichnung, die der Herr der Berge nicht mag. Ausgerechnet hier solch ein Fehlverhalten sehen zu müssen ...



    Nur Spaß, ein schöner Text, erinnert ein klein wenig an Kafkas "Der neue Advokat".



    Herrn Johannes einen Schurken zu nennen wird allerdings, völlig unabhängig von der Nationalität, dieser Sagenfigur absolut nicht gerecht, das kann man so nicht gelten lassen.

  • Willi Müller alias Jupp Schmitz

    "Nummernkärtchen"?

  • Janix

    Rübezahl? Eins, sonst hieße es ja Rübe_n-Zahl.