„Entartete Kunst“ in Rostock

Der gute und der böse Engel

Rostock verfügt über eine große Sammlung sogenannter entarteter Kunst. Sie stammt vom NS-Kunsthändler Bernhard A. Böhmer.

Das Atelier des Bildhauers Ernst Barlach, wo der NS-Kunsthändler Boehmer einst seine Erwerbungen lagerte. Bild: Thomas Gerlach

GÜSTROW/ROSTOCK taz | Hoch oben im mittelalterlichen Gemäuer präsentiert das Kulturhistorische Museum Rostock zwischen Backsteingiebeln einen Schatz, der anders ist als all die Silbermünzen, edlen Schränke und Ratsherrenporträts, die hier von der Geschichte der Hansestadt und ihres Umlandes künden.

Es ist die Sammlung des Kunsthändlers Bernhard A. Böhmer. Gemälde von Erich Heckel und Oskar Schlemmer, Plastiken von Barlach, Marcks, Lehmbruck, Papierarbeiten von Klee, Kandinsky, Dix, Pechstein, Feininger, Schmidt-Rottluff – ein Querschnitt der Moderne, wie ihn sonst kaum ein städtisches Museum vorweisen kann und wie ihn mit seiner schwierigen Geschichte bisher überhaupt kein anderes Museum besitzt.

„Meisterwerke von Rohlfs, Lehmbruck, das erwartet man bei uns nicht“, wird der Leiter des Museums heute noch sagen und von Plänen erzählen, wie die Sammlung bald besser präsentiert werden soll. Doch zuerst muss man Rostock wieder verlassen und 40 Kilometer südlich an den Heidberg bei Güstrow fahren, wo die Kunstwerke im Mai 1945 verstreut lagen.

Der bewaldete Hügel des Heidbergs fällt sanft zu einem See ab. Wind reißt das Laub von den Bäumen, Herbstmoder macht die Schuhe schwer, ein Mann führt einen Rüden zum See, wo eine kleine Bucht zum Hundestrand bestimmt ist. Hier am Ufer ließ sich Ernst Barlach 1930 ein neues Atelierhaus mit Wohnung und Werkstatt bauen. Zu dieser Zeit war Bernhard A. Böhmer schon Barlachs engster Mitarbeiter, der dem Bildhauer künstlerisch zur Hand ging, Verkäufe erledigte und neue Verträge einfädelte. Darüber hinaus trat er dem Meister seine erste Ehefrau Marga als Lebensgefährtin ab.

Der Asket und der Lebemann

Von dieser Ménage-à-trois erzählt Volker Probst, der Geschäftsführer der Ernst Barlach Stiftung, halb anekdotisch, halb stirnrunzelnd, und führt ins Atelierhaus. Es muss ein symbiotisches Verhältnis gewesen sein zwischen dem Asketen und dem Lebemann. Das großspurige Auftreten Böhmers, die Autos, der Luxus waren Barlach fremd. „Barlach hat für sein Werk gelebt“, fasst Probst zusammen. Meist hätten ihm Tabak und Rotwein genügt. Die Ambivalenz versucht Probst mit einem Barlach-Spruch zu deuten: Böhmer war „ebenso sehr mein guter wie mein böser Engel“.

Das Verzeichnis aller Werke „entarteter Kunst“ steht seit diesem Jahr online, ist aber nicht durchsuchbar. Der Historiker Hans Prolingheuer hat einen Index erstellt (siehe taz vom 1./2.11.2014), mit dem die taz eine Suchmaschine gebaut hat. So kann man die Liste erstmals nach Künstlern und Händlern durchforsten. Mehr dazu hier.

Doch als das Haus fertig war, habe sich Barlach im Neubau nicht wohlgefühlt. Er nutzte nur die Werkstatt, die heute Ausstellungsraum ist. Vorarbeiten zum Magdeburger Ehrenmal und zum Lübecker Geistkämpfer sind zu sehen. Der „Ungläubige Thomas“, der Kopf des „Schwebenden“. In der Ecke lagerten nach dem Tod des Meisters 1938 die Kunstwerke aus seinem Nachlass und Werke der „entarteten Kunst“.

Barlach wird ab 1933 zum Verfemten. Daran kann auch Böhmer mit exzellenten Kontakten zum Propagandaministerium wenig ändern. Zwar hat Barlach in Joseph Goebbels einen glühenden Verehrer, dennoch gilt Barlachs Werk 1937 als „entartet“. Seine Großplastiken verschwinden in Depots oder werden eingeschmolzen wie der „Schwebende“ aus dem Güstrower Dom. Neue Aufträge bleiben aus. Barlachs Freund Böhmer aber wird wie Hildebrand Gurlitt zum Händler „entarteter Kunst“.

Aufstieg zum Millionär

„Hier im Atelier wurde Barlach zwei Tage nach seinem Tod aufgebahrt“, erzählt Volker Probst und öffnet die Werkstatt mit verglastem Tor und viel Oberlicht. Ein paar Stühle stehen akkurat in Reihe, als wäre die Trauergemeinde gerade fort. Unter den Kondolierenden im Oktober 1938 – Hildebrand Gurlitt. Böhmer bewohnt mit seiner zweiten Frau Hella, einer Unternehmerstochter aus Rostock, das Obergeschoss. Nach Barlachs Tod nutzt die Familie das ganze Haus. Nur das Atelier selbst soll dem Andenken Barlachs vorbehalten bleiben.

Den Platz wird Böhmer bald benötigen. Böhmer – der „gute Engel“ – kümmert sich als „Verwerter“ intensiv um Rückkauf und Sicherung von Barlach-Werken. Böhmer – der „böse Engel“ – lässt hinter dem Rücken Barlachs und nach dessen Tod ohne Wissen des Sohnes Klaus Bronzen nachgießen. Böhmer gilt bald, auch dank seiner zweiten Heirat, als Millionär.

Mit seinem stattlichen Vermögen steigt er groß in den Kunsthandel ein. Seine guten Verbindungen zum Goebbels-Ministerium helfen. Insbesondere zu Abteilungsleiter Rolf Hetsch pflegt er eine innige Beziehung. Hetsch legt als einer der Verantwortlichen die Preise für „Entartetes“ fest und versorgt Böhmer großzügig mit Kommissionsware. Schließlich lagern die Werke auf dem Heidberg sicherer als in Berlin, wo bereits über eine Verbrennung unverkäuflicher Werke geredet wird.

Restbestand aufgekauft

1940 listet Hetsch auf knapp 500 Seiten sämtliche konfiszierten Werke auf, weit über 16.000 Einzelposten – es ist die Schlussbilanz des staatlich angeordneten Raubs „entarteter“ Kunst. 1943 befinden sich noch 3.000 Werke im Besitz des Ministeriums. Böhmer kauft den Bestand. In der Werkstatt stapeln sich die Werke, Franz Marc, Oskar Schlemmer, Otto Dix. Böhmers Sohn Peter gefallen Noldes „Papua-Jünglinge“, er hängt sie sich über sein Bett.

Hetsch ist gern gesehener Gast, der Abteilungsleiter genießt die Annehmlichkeiten am Heidberg. Bernhard A. Böhmer führt im Atelierhaus ein geradezu barockes Leben, als gäbe es kein Morgen. In Wahrheit kümmert er sich ab 1944 um den Absprung gen Westen. Er plant den Umzug ins Lüneburgische, lässt sperrige Kunstwerke auslagern. Zu spät. Im April 45 ist Böhmer, obwohl weder Mitglied der NSDAP noch der SS, wegen seiner Nähe zu höchsten NS-Kreisen zum Geächteten geworden. Selbst wenn er noch Hals über Kopf mit seinem Auto hätte flüchten wollen – alle Wege sind verstopft, alle Elbbrücken gesprengt.

Kollege Hildebrand Gurlitt hat deutlich mehr Fortune. Mit Frau, Kindern und Kunstsammlung ist er bei einem Freiherrn im Fränkischen untergekommen. Auf dem Heidberg hingegen verwüsten sowjetische Soldaten am 2. Mai das Haus. Aus der Werkstatt räumen sie alles aus. Auf die Rückseiten der Bilder malen Soldaten kyrillische Buchstaben. Aus Kunstwerken werden Wegweiser für die Truppe. Andere Bilder dienen als Zielscheibe. Was unbrauchbar erscheint, bleibt liegen oder wird im Wald verstreut. Am nächsten Tag – Exfrau Marga ist eingeweiht – nehmen Bernhard A. Böhmer, 52, und seine Frau Hella, 43, Zyankali. Ein Güstrower notiert: „Böse Nachrichten aus dem Heidberg: Böhmers tot, Peter lebt, Marga vergewaltigt.“

Ein Schatz auf dem Dachboden

Im Rostocker Kulturhistorischen Museum schaut das „Heilandsgesicht“ von Jawlensky so, als hätte ihm das Drama vom Heidberg alle Hoffnung genommen. Dabei hat das kleine Ölbild sämtliche Verwüstungen und die Reise nach Rostock überstanden. Die Russen krümmten Sohn Peter Böhmer kein Haar. Im Gegenteil, sie sorgen rührend für ihn. Ende Mai 45 expedieren sie für den Zwölfjährigen die Sammlung nach Rostock. Im Haus seiner Tante Wilma, die zum Vormund bestimmt wird, werden die Werke deponiert.

Dass sie einen Schatz unter ihrem Dach birgt, ahnt die Tante erst, als sie den Werbemaler Albert Daberkow bittet, einen Blick auf die Sachen zu werfen. Dem gehen die Augen über. Sind diese Bilder nicht ein Wink des Schicksals? Daberkow sucht zielstrebig das Vertrauen von Alleinerbe und Vormund. Er schafft die Werke mit Wissen der Tante über Berlin in die Westzone. 1950 eröffnet der ehemalige Werbemaler Daberkow in Bad Homburg einen Kunsthandel. Peter Böhmer und seine Tante ziehen nach Hamburg.

Als 1947 eine staatliche Kommission die verbliebene Sammlung in Rostock sicherstellte, fand sie noch 1.162 Werke, überwiegend Grafisches, doch auch Gemälde von Schlemmer, Heckel, Jawlensky. Die Bilder wurden später an die Museen zurückgegeben, aus denen sie 1937 konfisziert wurden – sofern sie sich in der DDR befanden.

613 Werke gehören heute zur Rostocker Sammlung von Bernhard A. Böhmer, dem einzigen der vier „Verwerter“, der die Nazi- Zeit nicht überlebte. Der „Heiland“ von Jawlensky, der Messingkopf von Rudolf Belling, die Bronzemaske „Paul Wegner II“ von Barlach – wenn sie reden könnten, sie hätten viel zu erzählen. Sie schweigen.

Herkunft der Bilder ist bekannt

Stattdessen redet Steffen Stuth, der Leiter des Rostocker Museums. „Wir nehmen diese Sammlung als Verpflichtung an“, versichert der 44-Jährige. Er sitzt mit verschränkten Armen unter einer bemalten Balkendecke im Kloster. Der Bestand sei ein einmaliges kunst- und zeitgeschichtliches Dokument, weil sich nur hier die Aktion „Entartete Kunst“ ablesen lasse. Und so zeigt das Museum seit 2010 einen Querschnitt der Sammlung. Doch Stuth will mehr. Bis 2018 soll die Ausstellungsfläche mit einem weiteren Standort deutlich erweitert werden.

Mag auch das Kunstmuseum Bern mit dem Gurlitt-Erbe bald über einen ähnlichen Nachlass verfügen, in zwei Punkten unterscheiden sich die Sammlungen. In Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ in Berlin ist die Herkunft der Rostocker Bilder dokumentiert. Nur bei wenigen Drucken lasse sie sich nicht mehr klären, bedauert Stuth. Außerdem ist die Eigentumsfrage in Rostock geklärt. Das Bundesamt für offene Vermögensfragen hat die Sammlung 2009 endgültig der Stadt Rostock zugesprochen.

„Böhmer hat viel gerettet“, würdigt Stuth den unfreiwilligen Stifter. „Andererseits, er hat ein prima Geschäft gemacht.“ Ein Geschäft, von dem viele profitiert haben. Wie groß die Zahl der Kunstwerke war, die im Mai 1945 auf dem Heidberg lagerte, lässt sich nicht mehr klären. Der Rostocker Bestand ist durchleuchtet. Vieles andere gilt bis heute als verschollen.

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