Eva von Angern: Selbst ihr Kater ist ein Konservativer
Eva von Angern führt die Linke in Sachsen-Anhalt. Mit der Union arbeitet sie pragmatisch zusammen – auch gegen Widerstand aus der eigenen Partei.
Foto: Maryam Majd/reuters
Die Diskussion entbrennt, nachdem am Wahlkampfstand die ersten roten Tüten, Wahlprogramme und Kugelschreiber verteilt sind. Sechs Linke stehen am Dienstagmittag in Neu Olvenstedt, einem Stadtteil am Rand von Magdeburg. Gemeinsam mit ihrer Spitzenkandidatin Eva von Angern werben sie um Stimmen für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Doch einer der Wahlkämpfer:innen ärgert sich.
Wenn die Linke im Landtag für einen CDU-Ministerpräsidenten stimmen würde, „dann sagen die Leute, sie können gleich die CDU wählen“, sagt er laut. Die Linke mache sich überflüssig. Die Spitzenkandidatin hält dagegen. Die Linke würde nicht unüberlegt bei allem zustimmen, was die CDU fordert, erklärt von Angern. Kitas schließen, Vergabemindestlohn aushöhlen? Das sei mit der Linken nicht drin. „Natürlich dürfen wir uns nicht komplett verbiegen.“ Aber es gehe sowohl um eine andere Politik als auch darum, Schlimmeres zu verhindern.
In aktuellen Umfragen in Sachsen-Anhalt liegt die AfD bei mehr als 40 Prozent. Je nachdem, wie viele Parteien es ins Parlament schaffen, könnte das für eine Alleinregierung reichen. In dem Fall sollen schon in den ersten 100 Tagen mehr Menschen abgeschoben werden, verspricht die rechtsextreme Partei in ihrem Programm.
Und wenn die AfD nach dem 6. September keine Mehrheit hat? Auch dann wird es für von Angern und ihre Partei ernst. Hält die Linke dann den CDU-Ministerpräsidenten Sven Schulze weiter im Amt? Diese Option will sich von Angern zumindest nicht verbauen.
„Liebe für alle“, steht auf ihrem Rucksack
Dabei fordert auch die CDU in ihrem Programm: „Abschiebungen forcieren“. Es gibt Linken-Genoss:innen, denen bereitet der Gedanke an die CDU deutliche Bauchschmerzen. Die Debatte brach öffentlich hervor, als Luigi Pantisano, mittlerweile Bundesvorsitzender, im Juni auf dem Linken-Parteitag der CDU vorgeworfen hatte, sie betreibe faschistische Politik.
Noch auf dem Parteitag kritisierte von Angern im Interview mit der taz, das relativiere den tatsächlichen Faschismus. Ob ihr das im Wahlkampf schadet? „Ich hoffe nicht“, sagte die 49-Jährige. Seit 2020 ist sie Linken-Fraktionsvorsitzende im Landtag Sachsen-Anhalt. Dort sei längst Realität, dass CDU und Linke zusammenarbeiteten. „Das ist auch gut und vernünftig“, sagt sie.
In der zu Ende gehenden Legislatur habe die Linke „31 erfolgreiche parlamentarische Initiativen“ vorzuweisen. Eva von Angern bezeichnete die Rolle ihrer Fraktion bei einer Pressekonferenz als „konstruktive Opposition“. Die CDU-geführte Regierung habe verstanden, „dass sie uns auch immer mal ernst nehmen sollte“. Beim Haushalt habe die Linke etwa erreicht, dass mehr Geld für Frauenschutzhäuser bereitgestellt werde.
Mittlerweile drückt sich Pantisano anders aus, wenn es um die CDU in Sachsen-Anhalt geht. Sven Schulze als Ministerpräsident mit Stimmen der Linkspartei? Schließt er im „Sommerinterview“ des ZDF nicht aus. Zumindest dann nicht, wenn es darum geht, eine AfD-Regierung zu verhindern.
Am Wahlkampfstand in Neu Olvenstedt begrüßt die Spitzenkandidatin Passant:innen in fröhlichem Ton. Von Angern wohnt seit zwölf Jahren im Stadtteil, dort tritt sie auch als Direktkandidatin an. An diesem Dienstag trägt sie einen Juterucksack. Aufdruck: Liebe für alle.
Im Vorbeigehen winkt eine Frau herüber: „Ich wollte nur mal danke sagen.“ Auch von Angern bedankt sich und greift in einen Karton: „Möchten Sie noch einen Linken-Kuli?“ Dann rollen gemächlich drei Männer auf Mountainbikes vorbei. „Guck mal, die Linken“, sagt einer spöttisch. Der zweite ergänzt grimmig: „Die Linken, das sind Verbrecher.“ Von Angern hebt lachend den Zeigefinger. „Wenn überhaupt: Verbrecherinnen“, korrigiert sie. „Ich bin eine Frau.“
Ein paar Schritte die Straße runter ist von Angerns Lieblingseisdiele. Dort wolle sie nach der Politik arbeiten, scherzt sie in einem MDR-Beitrag. Dafür brauche man „nur im Kopfrechnen die Note 2. Und ich hatte ’ne 1.“ Auch einen CDU-Ministerpräsidenten hat sie schon zu Hause. Ihr Kater heißt Herr Böhmer, so wie Wolfgang Böhmer, der 2002 in Sachsen-Anhalt regierte, als von Angern das erste Mal in den Landtag einzog.
Die damals 25-Jährige hatte ihr Jurastudium abgeschlossen, war Mutter geworden. Die Linke, zu der Zeit noch PDS, hatte bei der Wahl mehr als 20 Prozent bekommen. 2006 wurde die Partei hinter der CDU zweitstärkste Kraft, zeitweise schien ein linker Ministerpräsident möglich. Bis 2016 die AfD hinzukam. 2021 erhielt die Linke nur noch 11 Prozent der Stimmen.
Heute plakatiert die Linke zwar landesweit mit von Angern. Aber sie tritt nicht an, um Ministerpräsidentin zu werden. Laut aktuellen Umfragen würden 13 bis 14 Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt die Linke wählen.
Sie fällt Siegmund immer wieder ins Wort
In Neu Olvenstedt laufen immer wieder Menschen vorbei, winken ab und sagen: „Ich wähle AfD.“ Warum? Eine Frau mit Kinderwagen beginnt zu erzählen: Sie habe jahrelang die Linke gewählt, jetzt nur noch blau. In ihrer Nachbarschaft kenne sie Menschen mit Migrationsgeschichte. Die blieben alle zu Hause „und machen sich einen Lenz“. Viele seien in die Sozialsysteme eingewandert. Von Angern schüttelt ganz leicht den Kopf. „Knapp 60 Prozent der Geflüchteten arbeiten und sind enorm wichtig für unser Bundesland. Das sage nicht nur ich, sondern die Arbeitsagentur.“ Glaube sie nicht, antwortet die Frau und beendet kurz danach die Unterhaltung. Von Angern schaut auf ihr Handy. Dann rollen zwei weitere Fahrradfahrer vorbei. „Schön, dass es euch gibt“, sagt einer. „Danke“, antwortet die Politikerin.
Am Tag danach steht von Angern in der „Wahlarena“ des MDR neben CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze und AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Wenn Siegmund spricht, fährt sie mehrfach dazwischen. Im AfD-Wahlprogramm stehe es anders, als er suggeriere. Oder sie kommentiert einfach: „Quatsch!“ Als ein Zuschauer aus dem Publikum sagt, sowas sei unhöflich, bittet sie um Entschuldigung. Aber es mache etwas mit ihr, wenn Menschen in Sachsen-Anhalt Angst davor hätten, von Rechtsextremen aussortiert zu werden.
Bei Sven Schulze spricht sie nicht rein. Als es um junge Schüler:innen mit Förderbedarf geht, sagt der CDU-Kandidat, es brauche mehr Unterstützung für Lehrer:innen. „Vielleicht auch Unterstützung von gut ausgebildeten Kindergärtnerinnen in den ersten beiden Klassen.“ Von Angern nickt.
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