Hitzesommer: Wie viel wusste die Regierung über die Hitzetoten?
Eine Anfrage an die Bundesregierung ergibt, dass für kommende heiße Jahreszeiten Maßnahmen „geprüft“ werden sollen.
Foto: Elisa Schu/dpa
Was wusste die Bundesregierung über die Hitzetoten in diesem Sommer? Um das herauszubekommen, haben Fachpolitiker der bündnisgrünen Bundestagsfraktion eine Anfrage an das Bundesgesundheitsministerium gestellt. Es antwortete Christiane Schenderlein, die Parlamentarische Staatssekretärin für Gesundheit. Um es vorwegzunehmen: Viel weiß sie nicht.
Frage: Wie viele hitzebedingte Krankenhauseinweisungen, Notaufnahmebehandlungen und Rettungsdiensteinsätze und hitzebedingte Todesfälle gab es in diesem Sommer? Schenderlein beziffert die Toten auf 16.300 „bis zur Kalenderwoche 35“ und verweist auf Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI). Die Zahl ist aber falsch, das RKI listet bis zur Kalenderwoche 37 lediglich 16.000 hitzebedingte Sterbefälle auf.
„Zu hitzeassoziierten Rettungsdiensteinsätzen und Krankenhauseinweisungen liegen keine Daten vor“, schreibt die Staatssekretärin und begründet: „Das RKI betreibt keine Surveillance von Rettungsdiensteinsätzen und Krankenhauseinweisungen.“ Surveillance bedeutet: eine systematische und fortlaufende Überwachung. Aber warum weist das Ministerium seine nachgeordnete Behörde nicht an, solche Daten endlich zu erheben? Wie es in Frankreich beispielsweise längst der Fall ist.
In der Kleinen Anfrage heißt es: Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über hitzebedingte Arbeitsunfähigkeit oder Personalausfälle im Gesundheitswesen vor? Antwort: Die Daten für das Berichtsjahr werden erst Ende November 2027 vorliegen. Frage: Welche konkreten Maßnahmen plant die Bundesregierung, um eine zeitnahe Datenlage zu verbessern? Antwort: Die Weiterentwicklung des Monitorings der hitzebedingten Mortalität werde im Rahmen der Weiterentwicklung des „Hitzeschutzplans für Gesundheit“ vom Ministerium „geprüft“.
Die bislang meisten Menschen waren 2018 im Dürresommer gestorben, damals registrierte das RKI mehr als 8.500 Hitzetote. 2019 wurden 7.000 hitzebedingte Sterbefälle erfasst, in den Jahren danach fielen jeweils um die 3.000 Menschen den hohen Temperaturen zum Opfer.
Damit ist die Hitze des Jahres 2026 die bislang tödlichste, die die Bundesrepublik erlebte: Ende Juni war das Thermometer im Saarland auf 41,3 Grad im Schatten geklettert, am Tag darauf folgten 41,5 Grad im Jerichower Land in Sachsen-Anhalt. Am letzten Sonntag des Junis wurden in der Brandenburger Lausitz 41,7 Grad gemessen – jeweils ein neuer Höchstwert in Deutschland.
„Die Bundesregierung hätte spätestens nach der ersten Hitzewelle im Juni besser handeln müssen, um den Hitzeschutz für den Rest des Sommers zu verbessern“, sagt Misbah Khan, die stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende, zur taz. Damals hatte der Regierungssprecher auf die Frage, wann Kanzler Friedrich Merz (CDU) die Hitze zur Chefsache machen wolle, erklärt: Die Hitzewelle sei „ein extremes Wetter, wir wissen das. Eine Chefsache wird das Wetter nicht ändern.“
Copernicus, der Klimadienst der EU, hat in diesem Jahr den heißesten Juni aller Zeiten in Westeuropa gemessen. Die Wissenschaft warnt: Geht der Klimawandel so weiter, werden Temperaturen wie in der letzten Juni-Woche in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts das neue „Normal“ in Deutschland. „Die Gefahr wächst besonders für diejenigen, die sich keine kühle Wohnung oder andere Schutzmöglichkeiten leisten können“, sagt Misbah Khan: „Wir brauchen bessere Daten, klare Krisenabläufe und verbindliche Konsequenzen für den nächsten Hitzesommer.“
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