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Fahreignungsprüfungen im AlterKriegen sie noch die Kurve?

In Deutschland müssen Se­nio­r*in­nen bislang nicht nachweisen, ob sie noch sicher Auto fahren können – dabei steigen die Unfälle. Ist es Zeit für ein Umdenken?

Ferris Fechner erinnert sich gut an diesen einen Tag im Juli. Auf Fahrrädern, die sein Vater zuvor aufgepäppelt hatte, fuhren er und seine Partnerin durch Bad Oeynhausen, die Stadt, in der er aufgewachsen ist. Er wollte ihr gerade seine alte Schule zeigen, erzählt er, als seine Schwester Stella ihn anruft: „Es ist was passiert, Papa hatte am Bahnhof einen Unfall.“

Am 6. Juli wird Wilfried Fechner auf dem Parkplatz des Nordbahnhofs in Bad Oeynhausen von einer 86-jährigen Autofahrerin erfasst. Sie verliert beim Ausparken die Kontrolle über ihr Auto, beschleunigt stark und überfährt den 59-Jährigen. Er stirbt neun Tage später an den Folgen seiner Verletzung im Krankenhaus. Seitdem steht das Leben seiner Familie „völlig auf dem Kopf“, sagt sein Sohn am Telefon.

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Neben dem schlimmen Verlust beschäftigt Ferris Fechner auch die Frage, wie so ein Unfall passieren konnte. In den Tagen und Wochen darauf habe fast jeder in seinem Umfeld ihm von Unfällen erzählt, bei denen Se­nio­r*in­nen beteiligt gewesen seien und von Momenten, in denen sie sich im Auto mit älteren Menschen am Steuer unsicher gefühlt hätten. „Der Schulterblick wird oft vergessen, mal wird zu abrupt beschleunigt“, fasst der 25-Jährige die Erfahrungen zusammen. Könnten regelmäßige und verpflichtende Fahreignungsprüfungen solche Situationen verhindern oder zumindest reduzieren?

In einer Petition, die Ferris Fechner gemeinsam mit seiner Schwester im September startete, fordert er, dass die Überprüfung der Fahreignung ab einem bestimmten Alter verpflichtend eingeführt werden soll. Viele ältere Menschen könnten zum Beispiel nicht mehr schnell genug reagieren, um ein Fahrzeug sicher zu führen, auch seien Hör- und Sehfähigkeit häufig eingeschränkt. Für sie müsse es flächendeckend präventive Maßnahmen geben.

Altersabhängige Prüfungen sind in anderen EU-Ländern längst Normalität

Eine neue Forderung ist das nicht. Schon 2023 debattierte die EU im Rahmen der Führerscheinrichtlinie über verpflichtende Gesundheitschecks ab 70. Doch vor allem bei den liberalen, konservativen Fraktionen traf der Vorschlag damals auf starken Widerstand. Deutschlands ehemaliger Verkehrsminister Volker Wissing lehnte ihn ab, nach eigenen Angaben auch aus Gründen der Altersdiskriminierung.

In anderen EU-Ländern ist die altersabhängige Prüfung der Fahreignung längst Normalität. In Portugal etwa müssen Au­to­fah­re­r*in­nen ab dem 60. Lebensjahr ein medizinisches Attest bei der Verlängerung ihres Führerscheins vorlegen, das ihre Gesundheit, Sehstärke und ihr Hörvermögen bestätigt. Ab dem 70. Lebensjahr muss der Führerschein alle zwei Jahre erneuert werden. In Deutschland dagegen setzt man bislang auf Eigenverantwortung. Man kann zwar freiwillig die Fahreignung prüfen lassen, muss aber keine Folgen wie den Verlust des Führerscheins fürchten.

Karin Korrat hat sich freiwillig dazu entschieden, nicht mehr Auto zu fahren. Ihren Opel Meriva hat die 84-Jährige abgegeben. Ihr sei das Autofahren lange sehr wichtig gewesen, denn so blieb sie in ihrer ländlichen Heimat bei Lippstadt in Nordrhein-Westfalen mobil. Dort fährt nur einmal pro Stunde der Bus in Richtung Bahnhof. Doch als sie dieses Jahr bei ihrer Ärztin war, riet diese ihr, das Autofahren sein zu lassen. Korrat sei sich sowieso schon unsicher gewesen, habe die Entscheidung aber selbstständig treffen wollen.

In der Unfallstatistik fallen vor allem zwei Gruppen auf: die sehr jungen und die sehr alten Fahrer*innen. Junge, unerfahrene Menschen gelten als klassische Hochrisikogruppe im Straßenverkehr, auch weil sie häufig zu schnell unterwegs sind. Für sie gibt es allerdings längst Maßnahmen zur Risikoprävention, etwa das begleitete Fahren ab 17 oder die Null-Promillegrenze. Gemessen an ihrem Anteil an der Bevölkerung sind ältere Menschen laut dem Bundesamt für Statistik seltener in Unfälle verwickelt als jüngere. Laut Stefan Ladwig, Leiter des Forschungsbereichs Verkehrspsychologie und Akzeptanz am Lehrstuhl und Institut für Kraftfahrzeuge der RWTH Aachen, liegt das unter anderem an ihrer langjährigen Fahrerfahrung, aber auch an ihren Kompensationsmechanismen. Sie fahren zum Beispiel langsamer oder keine längeren Strecken mehr.

Vor allem ungewohnte Strecken fallen schwer

Was die Statistik aber auch zeigt: Immer mehr Se­nio­r*in­nen verunfallen mit dem Auto. Das liegt auch daran, dass immer mehr Menschen über 70 einen Führerschein besitzen und mobil bleiben. Laut der Unfallforschung der Versicherer waren Se­nio­r*in­nen im Jahr 2023 in 16.468 Fällen Haupt­ver­ur­sa­che­r*in­nen von Unfällen, ein Anstieg von 28 Prozent gegenüber 2013. Bei den über 75-Jährigen tragen sogar drei von vier Au­to­fah­re­r*in­nen die Hauptschuld, wenn sie in einen Unfall mit Personenschaden verwickelt sind. Das ist nach dem Statistischen Bundesamt der mit Abstand höchste Wert aller Altersgruppen.

Gemessen an der tatsächlichen Fahrleistung, steigt das Risiko schwerer Unfälle ab 75 Jahren, weil Aufmerksamkeit, Konzentration und Reaktionsgeschwindigkeit schrittweise nachlassen. Das zeige sich in komplexen Situationen an Kreuzungen mit vielen Fußgänger*innen, Autos und Rad­fah­re­r*in­nen oder auf ungewohnten Strecken, erklärt Kirstin Zeidler, Leiterin der Unfallforschung der Versicherer.

Auch Karin Korrat erzählt von Momenten, in denen das Fahren ihr manchmal schwergefallen sei. „Der Schulterblick ist körperlich schon schwieriger geworden, da ist das Drehen einfach schwer und die Sorge groß, wen zu übersehen“, sagt sie. Lange habe sie sich im Verkehr sicher gefühlt, sei sogar eher zügig unterwegs gewesen, sagt sie. Einen Unfall habe sie zum Glück nie gehabt, „so weit muss es aber nicht kommen“.

Möchte man die Fahreignung überprüfen, so steht man schon hier vor der ersten Herausforderung: Es gibt kein einzelnes, ideales Mittel zur Messung. Stefan Ladwig erklärt, dass es mehrere Indikatoren gibt, die allein für sich jedoch nicht ausreichen. Dazu gehören psychometrische Tests, die etwa die Informationsverarbeitung im Hirn überprüfen. Auch könne man messen, wie schnell Menschen auf ein kritisches Geschehen reagieren. Ergänzend wird im sogenannten Eye-Tracking mit speziellen Kameras untersucht: Wie nimmt die Person ihr Umfeld im Verkehr wahr? Wie systematisch ist sie bei der Analyse alltäglicher Verkehrssituationen? Gut prüfbar wären all diese Indikatoren in immersiven Fahrsimulatoren. Einige spezialisierte Kliniken böten die bereits an. Wichtig sei eine ganzheitliche Fahreignungsüberprüfung, die verkehrsmedizinische und auch verkehrspsychologische Faktoren in den Blick nimmt.

Eine weitere Möglichkeit, die in Deutschland bereits angewendet wird, sind begleitete Rückmeldefahrten, die unter anderem von Fahrschulen und vom ADAC kostenpflichtig angeboten werden. Hier beobachten Ex­per­t*in­nen das tatsächliche Fahrverhalten und die kognitiven Fähigkeiten der Fahrer*innen, erklärt Kirstin Zeidler. Anschließend geben sie eine konstruktive Rückmeldung und empfehlen etwa, bestimmte Situationen – beispielsweise Stoßverkehr oder Nachtfahrten – zu meiden, oder gar nicht mehr Auto zu fahren. Die Vertraulichkeit und der empfehlende Charakter steigern die Akzeptanz der Maßnahme, glaubt Unfallforscherin Zeidler. Allerdings erreiche man ohne Verpflichtung nicht alle älteren Verkehrsteilnehmer*innen. Sie plädiert dafür, diese Angebote verpflichtend für alle ab 75 Jahren einzuführen.

Doch was passiert mit Menschen, die im Alter plötzlich nicht mehr Auto fahren dürfen? Gerade im ländlichen Raum gibt es häufig keine wirkliche Alternative zum Auto. Nicht nur ältere Menschen träumen von einer verlässlichen und bezahlbaren Mobilität für alle. Doch die Anbindung an den Nahverkehr ist regional sehr ungleich. Die Verkehrswende lässt weiterhin auf sich warten.

Im Landkreis Lüchow-Dannenberg in Niedersachsen können Menschen, die freiwillig ihre Fahrerlaubnis abgeben, ein Jahresticket für den öffentlichen Nahverkehr ihrer Region, dem Wendland, bekommen. Auch in anderen Regionen wurden ähnliche Modelle erprobt. Laut Pressestelle des Landkreises sind seit der Einführung des Angebots im Herbst 2024 31 kostenlose Jahrestickets ausgestellt worden. Die Hürde, den eigenen Führerschein abzugeben, empfänden viele jedoch als sehr hoch. Gerade auf dem Land verliere man damit ein Stück weit seine Unabhängigkeit, so Pressesprecherin Jenny Raeder. Damit ältere Menschen in der Region mobil bleiben können, gebe es neben den Bussen auch sogenannte Bürgermobile, also ehrenamtlich organisierte Fahrdienste.

Karin Korrat fährt jetzt ein kleines elektrisches Seniorenmobil. Es schafft 15 Kilometer pro Stunde und wird von ihr liebevoll „der BMW“ genannt.

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12 Kommentare

  • Elite123

    Meine Hoffnung liegen bei der EU, denn dass unsere Gerontokratie das eigenständig entscheidet ist praktisch aussichtslos. Zulasten jüngerer Menschen die als Opfer gebilligt werden.

  • Thutmerwe

    Ein schwieriges Problem. Einerseits hat sich bei uns in der Straße vor zwei Jahren etwas ähnliches wie am Anfang des Artikels ereignet, zum Glück nur mit Sachschaden.



    Bei meinem Weg zur Arbeit mit dem Rad ist es allerdings selten die Generation Ü70, die mich durch regelmäßiges "Übersehen" meiner Vorfahrt gefährdet und zu Vollbremsungen zwingt.



    Ich denke es ist bei jung und alt leider oft genug die gleiche Selbstüberschätzung, die sich nur altersbedingt anders äußert.

  • Martin Rees

    Die Partei, die sich die Vorschläge zur Einschränkung von Senior:innen in deren Freiheit zum Führen eines Kfz auf ihre politische Agenda nimmt, sollte sich der zu erwartenden Konsequenzen bewusst sein. Es wäre wie Rentenkürzungen...



    Zunehmend werden in Kfz Assistenzsysteme Aufgaben übernehmen und Entscheidungen kontrollieren. Die Fahrzeuge mit diesen Ausstattungsmerkmalen werden wohl eher nicht von Anfänger:innen gekauft oder geleast. Sie kommen aber auf diesem Weg schrittweise in den Markt und auch Enkel:innen können dann durchaus von solchen Segnungen der Technik profitieren. Heute muss es ja kein "gepanzerter Schwede" mehr sein...

  • Nina Janovich

    Mobilität ist ein Grundrecht. Es braucht flächendeckende Mobilitätsangebote. Es gibt immer mehr Senior:innen - sie können zusammen mit den Jungen U-17-Jährigen in ihren Landkreisen für öffentliche Mobilität kämpfen. In Dünnbesiedelten Gegenden sind große Busse unpassend und können Shuttlebusse die wenn möglich mehrer Menschen abholen, wenn nicht eben auch Einzelne kutschieren und außerdem auch Rolliplätze im Bus (umbaubar in Klappsitze) haben. Minibusse, auch private, funktionieren hervorrugend in ländlichen Gegenden, wie das Beispiel Südost-Türkei zeigt, besser als große Busse mit festen Fahrplänen. Die sind in Ballungsgebieten mit vielen Fahrgästen praktisch.

  • gerdos

    Die Kriterien, die bezüglich der altersbedingten verminderten Verkehrstüchtigkeit erwähnt werden, treffen genauso auch auf ältere E-Bike-FahrerInnen zu. Insbesondere nachlassende Reflexe in plötzlichen Gefahrensituationen sind die Hauptunfallursache. Ältere sollten daher vorher lernen, mit den 25-kg-Bikes umzugehen.

  • Andreas Horn

    Der hier genannte Fall aus Lippstadt ist ja das Problem. Was passiert mit Seioren im ländlichen Raum, wenn sie nicht mehr geeignet sind, ein KFZ zu führen, nicht jeder kann mal schnell umziehen, wenn schon die Fahrkoordination nicht mehr funktioniert, wie soll man da noch einen Umzug wuppen. Dazu kommt noch der nicht vorhandene ÖPNV. Ich kenne die Region um Lippstadt und halte die ÖPNV Situation dort als nahezu paradiesisch. Bei uns in Südbrandenburg gibts nicht mal Taxis!



    Dazu kommt, das man den Eignungstest sicher wieder nutzt, um ordentlich Kasse zu machen. Wenn man dann den 3fachen Wert seiner Rente als Gebühr abdrücken muss.....also kurz: macht das Umfeld handhabbar, dann bin ich der erste, der sich mit 70 meldet zum Test. Sich mit Ü70 um so eine blöde Blechkiste zu kümmern, um von A nach B zu kommen ist zumindest auf dem Land eine Überlebensfrage, kein verzichtbar Luxus.

  • Il_Leopardo

    Ich bin für eine solche Überprüfung. Aber was ist mit den jungen Leuten?



    Die größte Gruppe an Verunglückten bei Straßenverkehrsunfällen mit Personenschaden sind Männer im Alter zwischen 25 und 35 Jahren.

  • Janix

    Erst einmal den Hut ab vor allen, die zeitig sich selbst prüfen und auch in unserer auto-isierten Gesellschaft ggf. entsprechend nicht mehr fahren.

    A propos: Wieder ein Beispiel, dass Grundversorgung eben _nicht Auto bedeuten kann, sondern ein Bus, Anruftaxi, Bahn, etc. ist. Etwas, was auch ohne Führerschein und gute Rundumsicht/Reflexe noch geht, egal ob mit 7 oder 107.

  • Perkele

    Dieses Phänomen kann man nicht verallgemeinern. Es gibt Menschen, die sollten in der Tat den "Lappen" zurückgeben, es gibt jedoch sehr viele, die deutlich umsichtiger fahren als mancher Rowdy



    in seinen/ihren 30igern....

  • Kranwasser

    Wenn ich schon "immersive Fahrsimulatoren" höre, dann bekommen wir das, was wir in D besonders gut können: Ein teures, bürokratisches Verfahren, damit auch bloß die Einzelfallgerechtigkeit gewahrt bleibt und 110% der Fahruntüchtigen aussortiert wird.



    Dabei würde man bereits mit einem einfachen Reaktionstest, ein paar theoretischen Fragen und einem kurzen Gespräch die schlimmsten Fälle ausfiltern. Zusätzlich werden sich viele erst gar nicht zum Test trauen und den Schein so abgeben, weil ihnen bewusst ist, dass sie in ihrem Zustand eigentlich nicht mehr fahren dürfen. Allein mit diesen Maßnahmen hätte man bereits die statistische Unfall-Häufigkeit dieser Altersgruppe neutralisiert.

  • Bluewater

    Senioren die Mobilität zu nehmen heißt sie zuhause einsperren. Auf dem Land wird das Auto gebraucht. Wo meine Eltern wohnen kostet die Tour mit dem Bus in die Stadt drei Euro und mehr pro Person pro Fahrt. Dann ist man am Bahnhof. Will man dann zu den gängigen Lebensmittelgeschäften ist das eine weitere Busfahrt. Das sind 24 Euro hin und zurück und dann ist der Einkauf noch nicht transportiert. Mobilität ist ein Recht. Und wenn ich dann am Ende lese das Ehrenamt soll es wieder richten, krieg ich einen Blutsturz. Führerscheinerneuerung ist auch nicht umsonst. Alle zwei Jahre die Kosten und dann noch dem Arzt hinterherrennen. Toller Vorschlag.

    • Janix

      @Bluewater:

      Und ein Auto kostet gar nichts?

      Der Skandal ist das viele Geld, das hierzulande noch an Auto-Herstellung und -Nutzung verdeckt fließt.



      Das fehlt, um in der Fläche einen bezahlbaren guten Service zu errichten. Für Kinder, Erwachsene, Senioren.