Gestaltungsraum in Arnstadt

Heimatlicher Renovierungsbedarf

Wie vermittelt man Lebensgefühl in tradierten Strukturen? Arnstadt kämpft um mehr Vitalität in den eigenen Reihen und wir waren dabei.

Der Milchhof in Arnstadt ist noch lange nicht fertig – die Zukunft der Stadt konnten wir dort trotzdem schon diskutieren Bild: Jan Kobel

von PAUL TOETZKE

Wahrscheinlich hätte es gar keinen besseren Veranstaltungsort in Arnstadt geben können. Der Milchhof, ein Beispiel für die regionale Bauhaus-Architektur und klassische Moderne – gerade wird er renoviert. Noch ist viel zu tun, doch für die taz.meinland öffnete Besitzer Jan Kobel erstmals die Türen. An der Fassade bröckelt es, auch die Decke ist noch nicht ganz dicht. Im Innern zeugen die Graffitis auf den weißen Kacheln vom jahrelangen Leerstand des Gebäudes.

Der Milchhof und der Streit um seine Zukunft stehen auch für die allgemeine Stimmung in der Stadt. Alte Gebäude verfallen, der Leerstand in der Innenstand ist unaufhaltsam. Doch dazwischen gibt es immer wieder private Initiativen, die dem entgegenwirken, engagierte BürgerInnen, die antike Gebäude sanieren, Cafés oder Restaurants eröffnen. „Zwischen Stillstand und Visionen“ lautete deshalb auch der Titel der Veranstaltung.

Im Innern des Backsteingebäudes versammelten sich etwa 40 Menschen – trotz des sonnigen Wetters. Zu Beginn begrüßte Jan Kobel die ZuhörerInnen, von denen die meisten das Gebäude zum ersten Mal seit Beginn der Renovierungsarbeiten sahen. Anschließend erzählte auch Jan Feddersen, Moderator und taz-Redakteur, von seinem ersten Besuch in Arnstadt. Er könne sehr gut nachvollziehen, warum Menschen hier hinziehen würden. „Drei Minuten nachdem wir abgefahren sind, wussten wir: wir kommen zurück.“

Doch wie fühlt es sich an, hier zu leben? Georg Bräutigam ist Vorsitzender von PRO Arnstadt, einer rechts-konservativen Wählervereinigung. 1994 gegründet wird sie vor allem von Handwerkern und Selbstständigen getragen, so Bräutigam. 18 Jahre habe sie den Bürgermeister gestellt, das seien gute Zeiten gewesen. „Der schönste Tag war, als Bosch ankündigte, sie wollen hier investieren“, fügt er hinzu. Doch schon nach einem Jahr war das Großunternehmen wieder weg.

Politischer Neustart gegen den Stillstand

Im Moment herrsche eine Art Stillstand. Deswegen unterstützte seine Partei im letzten Jahr gemeinsam mit der LINKEN und der CDU einen Bürgerentscheid für die Abwahl des Bürgermeisters.

Stefan Rienecker ist Anwalt und Mitglied des Unternehmervereins. Er sei stolz hier zu leben und fühle sich sehr wohl. „Wir können sagen: Arnstadt hat es sehr weit geschafft.“ Als er hierher gezogen sei, habe man ihm gesagt, den Arnstädtern könne man es nicht Recht machen. Doch das träfe nicht zu. Als Beispiel erwähnt er die ihm gegenübersitzende Tanya Harding.

Sie ist gelernte Lehrerin und kommt ursprünglich aus Kanada. Eine „Zugezogene“ also. Diese Bezeichnung wird im Laufe der Diskussion noch öfter fallen. Tanya Harding besitzt ein Restaurant in bester Lage, Altstadt, unweit der Bachkirche. Dort setzt sie auf „alternative“ kulinarische Erlebnisse abseits von Leberknödel und Rostbratwurst. Das ist nicht immer einfach, denn oft fehlt die Kundschaft. Doch sie habe einfach bleiben müssen bei „dieser Perle von Innenstadt“, sagt sie.

Immer wieder bremst die Verwaltung 

Frustrierend sei allerdings das Herumkämpfen mit der Kommunalpolitik. Zwei Jahre habe sie gebraucht, um endlich eine Genehmigung für einen Außenbereich, den sie auch außerhalb der Sommersaison nutzen kann, zu bekommen. Dafür musste erst ein Schlichtungsverfahren durch den Unternehmerverein her. Dazu weitere bürokratische Hürden, die speziell für die Fußgängerzone gelten: Sonnenschirme ohne Werbung, bestimmte Blumenkübel etc. „Wie soll sich hier etwas ändern, wenn das alles so lange dauert?“, fragt sie.

„Die Leute brauchen Häuser, Schulen und Arbeit, sonst gehen sie. Das gilt sowohl für Deutsche als auch für Flüchtlinge.“

Was zunächst nach einer Lappalie klingt, erzählt doch so viel über Arnstadt. Und nicht nur Arnstadt. Der Frust über eine „verschlafene“ Verwaltung, den scheinbar absurden bürokratischen Hürden – er beschäftigt nicht nur die BürgerInnen Arnstadts. Doch gerade hier blockieren Bürgermeister Alexander Dill und seine Fraktion das Engagement anderer – das dringt bei der Diskussion immer wieder durch. Auseinandersetzungen über die Auslegung des Stadtrechts wie im Fall von Tanya Harding sind somit auch immer politische bzw. persönliche Machtkämpfe.

Auch Hadidi Thoumana hat schon Bekanntschaft mit den deutschen Kleinstadt-Regularien gemacht. Er stammt ursprünglich aus Syrien, 2014 kam er nach Deutschland. Er war einer der ersten Flüchtlinge in der Region und – einer der wenigen, die in Thüringen geblieben sind. Inzwischen besitzt er ein arabisches Lebensmittelgeschäft in Ilmenau. „Die Leute brauchen Häuser, Schulen und Arbeit, sonst gehen sie. Das gilt sowohl für Deutsche als auch für Flüchtlinge.“

Leere Straßen verhindern ein aktives Zusammenleben 

Außerdem seien ab 7 Uhr abends die Straßen leer. „Warum haben die Läden nicht länger auf?“ Er würde gern bis 21 Uhr geöffnet haben. Aber die einzigen anderen offenen Geschäfte um diese Uhrzeit seien REWE und Kaufland. „Wenn es keinen Treffpunkt im Ort gibt, stirbt auch das Zusammenleben“, sagt er. In der Runde gibt es Zustimmung.

Sowohl Judith Rüber, Stadträtin für die LINKE und Georg Bräutigam bestätigen, dass es kein Verbot für eine längere Ladenöffnungszeit gibt. Das Problem sei vielmehr, dass sich kleine Unternehmer so etwas nicht leisten können, wenn die meisten BürgerInnen sowieso bei den großen Ketten einkaufen würden.

„In Italien oder Syrien würde das Leben um diese Uhrzeit erst anfangen. Hier bekommt man nach 20 Uhr nichts mehr zu essen.“

Auch Rüber, die vor einigen Jahren nach Arnstadt zog, vermisst das abendliche Zusammensein auf der Straße. „In Italien oder Syrien würde das Leben um diese Uhrzeit erst anfangen. Hier bekommt man teilweise nach 20 Uhr nichts mehr zu essen.“ Woran das liegt? Sie glaubt, dass das auch ein Phänomen der ehemaligen DDR-Städte ist. Hier sei die Bereitschaft, Privates in die Öffentlichkeit zu tragen, höchstwahrscheinlich geringer. Ein gewisses Verständnis dafür sei bei allem Engagement auch wichtig, fordert Georg Bräutigam.

Ein Mann aus dem Publikum meldet sich zu Wort. „All diese Leute hier tragen die Zivilgesellschaft in Arnstadt“, glaubt er. Aber man könne auch nicht einfach Dinge in die Stadt hinein projizieren. Arnstadt ist nunmal nicht Berlin. Allein die Konstellation an diesem Abend, aus Rechten (PRO Arnstadt) und Linken (Judith Rüber) hätte man sich vor ein paar Jahren nicht vorstellen können. Es tue sich also etwas. Ein großes Problem für die Stadt sei aber die Demografie. „Das sieht man hier: es sind kaum junge Menschen da“, sagt er.

Er hat Recht. Der Altersdurchschnitt an diesem Abend liegt auf jeden Fall bei über 40 Jahren. Ein jüngerer Mann merkt an, dass das auch die Vereine in Arnstadt zu spüren bekämen. Die Alten ziehen sich zurück, Junge kommen kaum nach. Trotzdem – das glaubt er – sehe man Zuwanderung hier kritisch.

Die Möglichkeiten, die Zuwanderung bringt, erkennen lernen

Stimmt das? In der Runde gibt es heftigen Widerspruch. Tanya Harding, die selbst eingewandert ist, glaubt an Zuwanderung als Chance. „Es gibt niemanden hier, der diese Jobs macht. Ich habe drei Flüchtlinge in der Küche engagiert.“ Man brauche den frischen Wind. Im Publikum gibt es dafür Applaus.

Frischer Wind – der fehlt in Arnstadt auch, weil es keine Uni oder Hochschule gibt. Während in Ilmenau oder Jena Studenten die Innenstädte verändern, lassen sich in Arnstadt nur wenige junge Menschen nieder. In der Runde ist man sich einig, dass man die Kulturschätze Arnstadts besser bewerben müsse. Alle, die herkommen, seien begeistert. Aber man müsse sie oft erst zu ihrem Glück zwingen. Viele hätten immer noch Vorurteile gegenüber dem Osten.

Das beklagt auch eine Frau aus dem Publikum. Sie sei 1998 aus Brandenburg hergezogen und werde immer noch als „Zugezogene“ bezeichnet – das sage schon alles. Dabei sei sie genauso stolz auf die Stadt wie die Ur-Arnstädter. Bei der Einweihung des Rathauses vor ein paar Jahren, seien ihr die Tränen gekommen. „Das war so bewegend“, sagt sie und fügt dann hinzu: „Weltoffenheit bringt auch Charme.“ Damit müsse man endlich offensiver umgehen. Ihr Plädoyer für Toleranz und mehr Gemeinsamkeit stößt auf großen Zuspruch und zeigt, dass der Wille zu mehr gemeinsamem Engagement sehr wohl vorhanden ist.

Hadidi Thoumana nickt. Er sehe Syrien als seine Mutter und Deutschland als seine Frau. „Seine Mutter kann man sich nicht aussuchen, seinen Partner schon“, sagt er, „ich habe das Geschäft in Ilmenau eröffnet, weil ich dort leben möchte.“ Er wolle auch seinen Laden nicht länger geöffnet haben, um mehr zu verdienen. Es gehe ihm darum, eine Beziehung zu den Menschen aufzubauen. „Kommt auf einen arabischen Kaffee vorbei, ich lade euch ein!“

Mehr Gemeinsamkeit – die soll es auch in Arnstadt geben. Ein Zuhörer wünscht sich die Stadt als „blühendes Biotop“, die Sanierung des Milchhofs sei ein wichtiger Beitrag dazu.