Am Strand des indischen Alang wurden seit den achtziger Jahren über 6.000 Wracks zerlegt. Ein gutes Geschäft – auf Kosten von Umwelt und Arbeitern.von Stefan Mentschel

Die „Wisdom“ (Weisheit) auf dem Weg nach Alang. Bild: imago/Xinhua
NEU-DELHI taz | Dutzende Ozeanriesen liegen am kilometerlangen Strand von Alang. Von einigen sind nur noch die entkernten Stahlskelette übrig. Andere sind erst vor Kurzem mit voller Fahrt in den Schlick vor der westindischen Küste gerammt worden. Alang ist Endstation für die Wracks der internationalen Seefahrt und inzwischen der wohl größte Schiffsfriedhof der Welt.
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„Seit 1982 wurden rund 6.000 Schiffe hierhergebracht und ohne Rücksicht auf das fragile Ökosystem an der Küste zerlegt“, sagt Gopal Krishna von der Umweltorganisation Toxic Watch. Auch die Arbeitsbedingungen für die mindestens 20.000 Beschäftigten der Abwrackindustrie sind katastrophal.
Das Problem beginne bereits mit dem sogenannten Beaching, sagt Krishna. „Um die Schiffe zerlegen zu können, werden sie im Gezeitenbereich vor der Küste gestrandet, es gibt weder Anleger noch Trockendocks.“ Bei dieser Methode gelange etwa Schweröl direkt ins Wattenmeer.
Hinzu kommen giftige Hinterlassenschaften in den Schiffen wie Schwermetalle, radioaktive Stoffe oder Asbest. Obwohl Indien die Basler Konvention über die Kontrolle von Sondermüllexport unterzeichnet hat, spielen Umweltstandards bei der Entsorgung keine Rolle. Dabei hat der oberste Gerichtshof in Neu-Dehli immer wieder Verbesserungen gefordert. 2006 etwa stoppte er die in Alang geplante Verschrottung des französischen Flugzeugträgers Clemenceau.
Doch Schiffseigner und Abwrackunternehmen „umgehen Gesetze auch mithilfe gefälschter Dokumente“, sagt Krishna. Die EU-Kommission habe unlängst in einem Brief an die indischen Behörden beklagt, dass es sich bei den meisten Wracks in Alang um Fälle illegaler Abfallentsorgung handele.
Gleichzeitig plane die EU eine Lockerung der strengen Bestimmungen, sagt der Aktivist und spricht von „Doppelmoral“. Die Unternehmen aus den Industriestaaten müssten für die Entsorgung ihres maritimen Sondermülls im Westen teuer bezahlen. In Südasien bekommen sie dagegen noch den Schrottpreis von den Abwrackunternehmen. Für den Unglückstanker „Exxon Valdez“ etwa gingen unlängst zwölf Millionen Euro über den Tisch.
Leidtragende sind auch die schlecht bezahlten Arbeitskräfte. Mit bloßen Händen tragen sie tonnenschwere Aufbauten ab und entsorgen giftige Rückstände – sofern diese nicht einfach bei Flut ins Meer laufen. Die Internationale Arbeitsorganisation stellte fest: „Die Verschrottung von Schiffen ist unter allen Bedingungen eine schmutzige und gefährliche Arbeit, doch eine Zerlegung am Strand ist besonders unsicher und risikoreich.“
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