Herbert Fritsch an der Volksbühne

Pfeift auf die Erwartungen

Retro, lustig, verschroben: Zwischen den Jahren sind einige Arbeiten des Regisseurs zu sehen, bevor er 2017 das Haus verlässt.

Ein nackter Mann rennt über eine rote Bühne

So sieht es aus, wenn der Original-Bibel-Text in der Luther-Übersetzung inszeniert wird: „Apokalpyse“ von Herbert Fritsch Foto: Thomas Aurin

Albern. Und retro. Das ist Herbert Fritsch – nicht die Person jetzt, sondern der Regisseur, oder vielmehr seine seit ein paar Jahren in der Volksbühne inszenierten Stücke. Albern, retro, lustig, schräg, verschroben. Auf den ersten Blick sind sie völlig unterschiedlich. So hat Fritsch sein Berliner Comeback – nach seinen ersten Volksbühne-Jahren tingelte er durch die Lande – mit einem echten bürgerlichen Schwank von 1910 begonnen, der „Spanischen Fliege“.

Zuletzt hat er den Original-Bibel-Text in der Luther-Übersetzung der Offenbarung des Johannes inszeniert („Apokalypse“) und ein Abschieds-Allround-Avantgarde-Kunststück hinterhergeworfen, das auf so ziemlich alles pfeift, was so an Erwartungshaltungen seitens der Zuschauer mit ins Theater gebracht werden könnte: „Pfusch“. Vielleicht ein Meta-Kommentar zur allgemeinen Lage. Vielleicht auch nicht. Denn die aktuelle Lage, die interessiert Fritsch zumindest nach eigener Aussage überhaupt nicht.

Nun soll es also bald zu Ende sein. Die Volksbühne wird einstürzen, die großen Macher haben sich schon abgeseilt, der große Castorf, Intendant, Regisseur, Ikone, geht in den Ruhestand (oder auch nicht), Christoph Marthaler hat die Bühne gewechselt, Fritsch auch. Der Einzige, der anscheinend noch bleibt, vielleicht, weil es ihn reizt, das neoliberale Theater unter dem kommenden Intendanten Chris Dercon mal von innen zu dekonstruieren, ist René Pollesch.

Die Volksbühne geht also in seine letzte Runde unter der Ägide von Castorf, und wer zum Beispiel die Stücke von Fritsch noch nicht kennt, der sollte sich ranhalten, denn bald könnte es vorbei sein. Zwischen den Jahren jedenfalls gibt es mehrere gute Gelegenheiten, Fritsch, aber auch Pollesch kennenzulernen. Pollesch gibt es am Donnerstag, den 29. Dezember, mit „Keiner findet sich schön“, einer mehr als treffenden Gegenwartsanalyse einer männlichen Einzelperson kurz nach dem vierzigsten Geburtstag (mit dem großartigen Fabian Hinrichs).

Sechziger-Jahre-Futurismus

Von Fritsch gibt es gleich mehrere Aufführungen. Zum Beispiel eben „Pfusch“, das mit einer nicht enden wollenden E-Musik-Oper auf elf Klavieren beginnt, während im Hintergrund ein verstörende Geräusche machendes Rohr hin und her rollt, um schließlich in einer Schwimmbad-Exegese (ohne echtes Wasser) zu enden. Ein wiederkehrendes Element ist hier beispielsweise das eingekellerte Trampolin – man kennt es schon aus der „Spanischen Fliege“.

Das gebiert allein schon die halbe Komik. Oder die „Apokalypse“ – ein etwas schweres Brett, denn der Originaltext ist eben nicht ohne, um es mal vorsichtig zu formulieren. Hier ist Ingo Günther die Konstante, denn wie in „Pfusch“ macht er die Musik – die diesmal schön elektronisch-psychedelisch ist, während sie sich in „Murmel Murmel“ zum Beispiel am Sechziger-Jahre-Futurismus abarbeitet.

Die Volksbühne wird einstürzen, die großen Macher haben sich schon abgeseilt

Im Wesentlichen irrt aber Wolfram Koch über die Bühne, mit der devot-treuseligen Elisabeth Zumpe im Schlepptau, die gewissermaßen hündisch und lustig schüchtern hinter ihm her souffliert, und den ganzen, irgendwie zwischen Schwachsinn und zu viel Drogen pendelnden Originaltext dahersalbadert. Die Bibel halt.

Slapstick und Kalauer

Wie überhaupt die Schauspielenden – ähnlich wie bei Pollesch – sich meist eine Menge Text merken müssen. Persönlicher Favorit ist dabei nicht das allseits beliebte „Murmel Murmel“, das tatsächlich nur aus diesem einen Wort in unendlicher Repitition besteht, sondern das unendlich komplexere Stück „der die mann“ nach Texten von Konrad Bayer.

Fritsch, du bist so retro: Hier zeigt sich der ganze Kosmos, den Fritschs Inszenierungen ausmacht: die Komik des – dekonstruierten – Alltags; die Avantgarde der sechziger Jahre – hier: die „konkrete Poesie“ der „Wiener Gruppe“, zu der neben Bayer auch der österreichische Lyriker und Schriftsteller H. C. Artmann gehörte; die Schauspielschule des Stummfilms – das Ensemble, das in sich eigen, also individuell sein darf, im Grunde aber nur aus verschiedenen Clown-Charakteren besteht.

Die Stücke von Herbert Fritsch sind an der Volksbühne am 26., 27., 28. und 31.12. zu sehen.

Wo alle herumwackeln und überdreht spielen wie Charlie Chaplin. Slapstick, Kalauer, das ganze Potpourri des oft von oben bekrittelten, „einfachen“, aber eben auch widerspenstigen, subversiven Humors. Eben auch wieder wie in den sechziger Jahren: über Autoritäten wird sich lustig gemacht.

Zur Schrägheit bereit

Die SchauspielerInnen können einem dabei manchmal ganz schön leid tun. Sie entblößen sich, sie müssen Textblöcke lernen, die sich gewaschen haben – während bei Pollesch aber oft die Souffleuse mit „Text!“ angeschrien wird, passiert das bei Fritsch so gut wie nie. Und sie müssen aus sich heraus, gerade auch körperlich. Sophie Rois ist dabei die Einzige, die nicht über das Trampolin muss. Die Einfälle der Bühne, der Musik, der Kostüme stehen den Texteinfällen in nichts nach.

Spannend wird sein, wie Herbert Fritsch die nächste Herausforderung angeht. Während er sich an der Volksbühne immer auf ein junges, aufgeschlossenes Publikum verlassen konnte – hier ist man grundsätzlich zur Schrägheit bereit – wird in der Berliner Schaubühne, die er ab der Spielzeit 2017/18 bespielt, ein ganz anderes Publikum sitzen. Gediegener, kritischer. Das könnte heiter werden.

Dieser Text erscheint im taz.plan. Mehr Kultur für Berlin und Brandenburg immer Donnerstags in der Printausgabe der taz

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