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Jugendrevolte in Frankreich Die geopferte Generation

Kommentar von

Rudolf Balmer

Der Aufstand der Jugendlichen ist eine direkte Reaktion auf die geplanten Sparmaßnahmen. Die französische Regierung sollte nicht so überrascht tun.

F ranzösische Medien beschreiben eine Regierung, die von plötzlich aufflammenden Schülerprotesten total überrascht worden sei und nun aus panischer Angst vor einer sich ausbreitenden Revolte keine andere Lösung sieht als die brutale Repression.

Ergänzt wird dies mit einer rhetorischen Kraftmeierei und der Verschwörungstheorie, am ganzen Chaos seien zweifellos Jean-Luc Mélenchon und die „ultralinken“ Drahtzieher von der Partei „La France insoumise“ schuld. Seit Mitte vergangener Woche hat die in Bedrängnis geratene Regierung bereits mehrere „Krisensitzungen“ einberufen.

Dabei ist nichts in der französischen Politik so vorhersehbar wie soziale Konflikte im Kontext der jährlichen Staatshaushaltsdebatten. Und dies stimmt erst recht in diesem Herbst: Wegen einer staatlichen Verschuldung von mehr als 3.400 Milliarden und der Vorgabe, das Defizit für 2027 auf 5 Prozent BIP-Anteil zu begrenzen, will die Regierung rund 50 Milliarden Euro einsparen. Eine angemessene Besteuerung der Reichsten aber lehnt sie ab.

Hingegen wird bei allen Krediten geschnippelt und gehobelt, auch zu Lasten der angeblichen Prioritäten bei Erziehungs-, Sozial- und Gesundheitsausgaben. Die Ausgaben für die Bildung sollen zwar steigen, doch es wird nicht einmal die Inflation ausgeglichen. Zudem wollte die Regierung neue Gebühren für die Berufsmittelschulen einführen. Das war eine pure Provokation.

Die Regierung weist jede Verantwortung zurück

Die vorgesehenen Einsparungen würden die bereits seit Jahren akkumulierten Probleme in vielen Schulen und Universitäten noch verschlimmern. Das begreifen auch die Jugendlichen, die ohnehin schon das Gefühl haben müssen, sie seien eine „génération sacrifiée“ („geopferte Generation“), die in Zukunft für den von den Vorgängern angerichteten Schaden aufkommen muss. Auch für die bei Auseinandersetzungen mit den Ordnungskräften vor den Schulen angerichteten Sachschäden wollen die Rechtsparteien eine Familienhaftung geltend machen, um die Eltern für die Kosten zur Kasse zu bitten.

Die Staatsführung selbst weist dagegen jegliche Verantwortung für die Krise im Schulsystem zurück. Sie tut so, als hätte sie nicht gewusst, dass sie mit ihrer Haushaltspolitik in den Schulen den Zunder auslegt, der jetzt zu einem Flächenbrand entflammt. Wer ihr das vorwirft und sich mit den legitim Protestierenden solidarisiert, macht sich aus der Sicht der Obrigkeit als Brandstifter verdächtig.

Natürlich ist es viel leichter, mit einer massiven Repression die Jugendlichen einzuschüchtern und die linke Opposition als Komplizin der „Chaosmacher“ zu diffamieren, als einen sozial gerechten Staatshaushalt vorzulegen.

Rudolf Balmer Auslandskorrespondent Frankreich

Frankreich-Korrespondent der taz seit 2009, schreibt aus Paris über Politik, Wirtschaft, Umweltfragen und Gesellschaft, gelegentlich auch für „Die Presse“ (Wien).
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14 Kommentare

  • Khuul

    Respekt an die Schüler:innen und Student:innnen, die sich mittlerweile solidarisiert haben, und für eine adequate Aus-)Bildung kämpfen! Dass man für so etwas überhaupt auf die Straße gehen muss!



    Man bekommt wirklich den Eindruck, als seien diese jungen Bevölkerunggruppen der Regierung nichts wert. Dass sie die Sachschäden von den Eltern bezahlen lassen wollen ist echt noch die Krone der Verachtung.

  • C. Avestruz

    Dass Fürsprecher der Schüler mit der Bildungspolitik unzufrieden sind, mag den Rahmen gegeben haben, erklärt aber nicht, warum es nicht einfach eine Demo mit Abschlusskundgebung gab, sondern Straßenschlachten.

    Es ist sinnvoll, sich die exponentielle Rolle von Social Media bei der Eskalation anzuschauen. Posts auf Tiktok oder Insta müssen nicht stimmen, Hauptsache, sie rufen starke Gefühle hervor, wie z.B. das Gefühl empörende Ungerechtigkeit zu erleben.



    Und schon wird aus einer Demo gegen Bildungspolitik eine Abrechnung mit der öffentlichen Verwaltung, den bürgerlichen Nachbarn, den Bullen, dem ganzen System.

  • Hans - Friedrich Bär

    Der Staat Frankreich ist wirtschaftlich über den Rubikon.



    Die Kreditwürdigkeit ist wegen der Regierungskrise kürzlich weiter herabgestuft worden.

    Dass sogar die Berufsschulen Gebühren einführen ist das Gegenteil des Erfolgs bei uns. Wir haben in Bereichen, die für die Auszubildenden früher gebührenpflichtig waren, Gebühren abgeschafft und dort große Zufriedenheit und Zulauf.



    www.tagesschau.de/...esundheit-100.html

    Ich habe kürzlich gelesen, dass der Präsident sich, als erster seines Amtes, mit der Patrouille de France hat spazieren fliegen lassen.

    "Ihr seid uns nichts wert" an die Adresse der Jüngeren dagegen, ist beispielhaft schlecht.

    Vermögensbesteuerungen etc. können wir hier lang diskutieren es wird nichts nützen.

    Die meisten Rechts Wähler glauben nicht, dass sich für sie etwas ändern wird. Sie stehen aber vor dem Dilemma der Selbstachtung : Soll ich weiter die wählen, die das Desaster verursacht haben ? Dann müsste ich über mich ja sagen, dass ich möchte , dass es so weiter geht , ich also nicht ganz gescheit bin. Das ist in Frankreich so wie hier und überall.

  • Machiavelli

    Frankreich ist pleite, die Zinsen ziehen scharf an und Reiche besteuern hat nicht geklappt und der Boomer Kommunismus muß finanziert werden also werden die Jungen geopfert.

  • EchteDemokratieWäreSoSchön

    Irgendwann muss Frankreich und muss auch Deutschland lernen, dass der Staat in einem Abgrund landet, wenn man weiterhin Superreiche (>100 Mio. $) und Milliardäre soviel geringer besteuert als alle anderen.



    Normale Menschen zahlen über 50% an den Staat (Einkommenssteuer, Mehrwertsteuer, Sozialabgaben, Mineralölsteuer, etc.). Superreiche und Milliardäre zahlen oft kaum mehr als 20%. Deswegen ist das Vermögen der 5000 Superreichen und Milliardäre in Deutschland alleine seit 2024 um 400 Mrd. $ gewachsen. Während die ärmeren 50% kaum zurechtkommen und die Regierungen sich wegen 10-20 Mrd. € zerlegen. Auch diese Regierung wird nicht mehr lange durchhalten und auch die in Frankreich nicht mehr, wenn Superreiche und Milliardäre nicht etwas höher besteuert werden.



    Schon eine höhere Besteuerung um 1,5-3,5% ihres Vermögens (=3400 Mrd. $) würde reichen, denn das wären 50-100 Mrd. €. Damit lässt sich wieder eine Politik machen, mit der 80-90% der Bevölkerung zufrieden sind und nicht 30% rechtsextreme Parteien wählen.



    Drückt man sich weiterhin davor, wird der Stimmenanteil für rechtsextreme Parteien immer weiter steigen.

    • Wombat

      @EchteDemokratieWäreSoSchön:

      Es gibt weltweit nur 2 Länder mit einer Vermögenssteuer die sich auch auf Betriebsvermögen erstreckt. Norwegen mit einer extrem geringen Steuer (macht 1% der Steuereinnahmen aus, ist also völlig irrelevant) und die Schweiz, mit 5% der Steuereinnahmen. 5% sind ordentlich aber das erkauft sich die Schweiz mit extrem geringer Unternehmensbesteuerung, amerikanischem Arbeitsrecht (keinerlei Kündigungsschutz, keine Betriebsräte), keiner Kapitalertragsteuer (nur auf Dividenden), sehr geringen Sozialleistungen die Rückzahlungspflichtig sind und einer Leistungsgesellschaft. Wollen Sie das Schweizer Modell bei uns?

      • EchteDemokratieWäreSoSchön

        @Wombat:

        Norwegen hat eine Vermögenssteuer von 1%. Bei einem Vermögen von 3400 Mrd.$ für die 5000 Superreichen und Milliardäre wären das bei uns 34 Mrd. €.



        Wenn man berücksichtigt, dass sich die Ampel wegen 15 Mrd. € zerlegt hat, und auch die jetzige sich wohl wegen ähnlicher Beträge zerlegen wird, ist das nicht irrelevant.



        Es wäre in jedem Fall ein Anfang. Und wenn Deutschland anfängt, werden sehr viele folgen. Genauso wie bei dem Steuerunterbietungswettbewerb jeder gefolgt ist.



        Jetzt werden viele folgen, weil alle Staaten, die nicht folgen, werden im Abgrund landen.

        • Wombat

          @EchteDemokratieWäreSoSchön:

          Allgemein sehr schwierig sich mit einem Ölstaat vergleichen zu wollen, da ist der Vergleich mit CH deutllich passender.



          Wenn man diese Vermögensteuer in D wie in Norwegen einführt, dann aber bitte auch wie in Norwegen oder der Schweiz eine deutlich geringere Unternehmensbesteuerung.

    • rero

      @EchteDemokratieWäreSoSchön:

      Vielleicht lesen Sie sich nochmal die Studie durch, die die Linkspartei in Auftrag gegeben hat?

      Insbesondere der Teil, wo erwähnt wird, welche Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umsetzung erforderlich wären, ist spannend.

      Dort wird erklärt, warum das niemand anfassen will.

      Und die Linke auch nicht, sollte sie mal auf Bundesebene regieren.

      • EchteDemokratieWäreSoSchön

        @rero:

        Da stehen nur die üblichen Verdächtigen drin: Lobbyeinfluss, Kapitalflucht, schwierige Bewertungen von Immobilien.

        Mit andere Worten: Politiker haben es sich bisher leicht gemacht und das Thema nicht angefaßt.

        Aber Politiker haben nur 2 Alternativen. Entweder sie packen dieses Thema jetzt an, obwohl es nicht leicht ist, oder die Demokratie und diese Gesellschaft landet im Abgrund.

        • rero

          @EchteDemokratieWäreSoSchön:

          Da steht drin, dass es als Voraussetzung einer internationalen Überwinkunft bedarf.

          Ansonsten wird diese Steuer kaum Mehreinnahmen bringen.

  • SJG

    Die Art und Weise der Proteste ist nicht angemessen, aber nachvollziehbar.



    Ein Vorgeschmack auf das was uns mit der aktuellen Sparpolitik noch bevorsteht, wenn auch bei uns die Jungen erkennen, dass sie auf dem Altar der Reformen geopfert werden.

    • Wombat

      @SJG:

      Die Jungen dürfen vor allem das Handaufhalten der Boomer finanzieren. Rente mit 62 gibt es halt nur für extrem hohe Kosten.

      • Hans - Friedrich Bär

        @Wombat:

        Die Boomer sind bis auf die unfreiwillig Kinderlosen, Eltern und Großeltern und geben ihre fürstlichen Renten dort an Kinder und Enkel weiter.



        Bei uns haben z.B. wegen Agenda 2010 Eltern und Großeltern gekürzte Gegenleistungen aus ihren Einzahlungen bis 2000. Deswegen können sie ihren Kindern und Enkeln auch nicht so viel schenken.



        Dafür bekommen die Kinder bei uns jetzt die Frühstartrente um die Kinder darüber zu täuschen , wer ihren Eltern die Gegenleistung für deren früheren Einzahlungen vorenthalten an und wer an ihnen von klein auf mitverdienen wird.



        Die Jungen in Frankreich werden nicht von der Rentenversicherung sondern von den Gläubigern der französischen Republik unter Druck gesetzt. Diese sind zur Hälfte die europäische Zentralbank und zur anderen Hälfte die Eigentümer der Großbanken, über deren Besteuerung in den anderen Beiträgen diskutiert wird, und die der Staat alleine deswegen nicht besteuern kann weil sonst die Zinsen für seine Schulden bei ihnen in gleichem Maß weiter steigen werden.