Klassenkampf in Dresden

Der letzte Stalinist

Seit mehr als 20 Jahren kämpft Hans-Jürgen Westphal auf Dresdens Straßen für den Kommunismus. Auch im Netz agitiert er.

Ein Mann steht neben seinem Fahrrad. Er hat sich eine Flagge über die Schulter gehängt.

Trägt den Pullover eines verstorbenen Genossen: Unikat Westphal.  Foto: Michael Bartsch

DRESDEN taz | Wo ist der Mann mit der roten Fahne? Hat womöglich die Klasse der Bourgeoisie zugeschlagen und ihren schärfsten proletarischen Feind liquidiert? Hans-Jürgen Westphals Dresden verlöre sein letztes Original und die Welt den vermutlich letzten glühenden Stalinisten.

Plötzlich radelt er wie eh und je durch die Prager Straße, dem wichtigsten Boulevard Dresdens. Die große rote Fahne mit dem gelben Symbol von Hammer und Sichel weht im Fahrtwind. Im Gepäckkorb drängen sich Broschüren mit selbst verfassten Traktaten und Gedichten, einige der 88 von ihm produzierten CDs und ein Stapel Zeitungen.

Früher war es die Rote Fahne der Kommunistischen Partei Deutschlands, jetzt ist es die der marxistischen Tageszeitung Junge Welt. Am Zielort, dem Karstadt, nimmt Hans-Jürgen Westphal Aufstellung. Direkt vor einem Tempel des Kapitalismus, dem Systemfeind.

Che Guevara Dresdens

Vollbart, Nickelbrille und die Che-Guevara-Mütze mit dem Roten Stern gehören zu den unvermeidlichen Attributen. Die Klamotten – ein Begriff für Kleidung in der spätkapitalistischen Epoche – bekam er sämtlich geschenkt. Den braunen Pullover vor allem, von einem verstorbenen Genossen übereignet, wird er in Ehren halten, „bis er zerfällt“. So steht er – der letzte Stalinist –, die Fahne über der Schulter, und verteilt Broschüren an Passanten. Er versucht es zumindest.

Vor über 25 Jahren ist seine geliebte Deutsche Demokratische Republik zerfallen. Das Kürzel DDR verwendet Westphal nicht. Und der 3. Oktober? „Selbstverständlich ein tiefer Schmerz für jeden klassenbewussten Proletarier.“ Ein Trauertag. Seine 89. Scheibenproduktion wird eine DVD mit dem Titel „25 Jahre Restauration“ sein.

„Denn die Deutsche Demokratische Republik besaß eine Gesellschaftsordnung, in der sich die Produktivkräfte entfalten konnten, und sie war ein Friedensstaat!“ Die Starkstromanlagen, die in seinem volkseigenen Betrieb „Otto Buchwitz“ einst für den Irak gebaut wurden, hätten die Amerikaner im Krieg zerstört.

Abwechslungsreiche Wege

In dieser DDR ging der 1951 in Anklam geborene Westphal abwechslungsreiche Wege. Selbstverständlich drei Jahre Nationale Volksarmee, danach weitere drei Jahre Studium der Ingenieurpädagogik. Als solcher beim VEB Starkstromanlagenbau, dann Kreissparkasse Meißen, Museum für Geschichte der Stadt Dresden, sieben Jahre im VEB Kombinat Obst, Gemüse, Speisekartoffeln. 1984 begann er ein fünfjähriges Fernstudium zum Ingenieur-Ökonomen. So etwas gab es so nur in der DDR.

Kurz vor der Wende war Westphal Leiter der Allgemeinen Verwaltung im VEB Kupplungswerk Dresden. Am Tag vor der deutschen Einheit wurden alle in die „Kurzarbeit null“ geschickt, erinnert er sich.

Was danach folgte, war eine mehrfache Enttäuschung: vom Kapitalismus – und von den Parteien. 1991 hatte er noch im damaligen „Haus der Begegnung“ der Dresdner PDS den „Kleinen Buchladen“ eröffnet, musste aber ein Jahr später aufgeben. Seither ist er „wegen der kapitalistischen Produktionsverhältnisse“ arbeitslos, dies aber durchaus mit Überzeugung. Denn den Verkauf seiner Ware Arbeitskraft hält er unter diesen Bedingungen „nicht gerade für ehrenwert“.

Im übelsten Fall könne er womöglich bei einer Bank, in der Medienbranche, bei der Bundeswehr oder im Rotlichtgewerbe landen. Und nichts Schlimmeres könnte passieren, als die Klasse des Proletariats zu verlassen, der er sich leidenschaftlich zugehörig fühlt. Doch wer das Proletariat nach dem Ende der DDR vertrat, war auf einmal nicht mehr klar.

Manche Einheimischen bewundern seine Standfestigkeit

Agitation – dank Grundsicherung

1978 trat Westphal der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) bei. Die Nachfolgepartei PDS verließ er 1994. In der KPD glaubte er dann die wahren Kommunisten zu finden, bis die ihn und seinen Sohn Michael 1999 rausschmiss, weil sie gegen eine Wahllistenverbindung mit der revisionistischen PDS gestimmt hatten.

Im neuen System hat sich Westphal arrangiert. Er absolvierte einige von der Arbeitsagentur verordnete Pflichtfortbildungen – unter anderem zum Finanzbuchhalter (!). Seither bezieht er Grundsicherung und agitiert im Dienste des Volkes. „Ich bin kein Missionar, der einen Erlöser verkauft, sondern ein wissenschaftlich denkender Mensch!“ Mit dem möglichst täglichen Einsatz genüge er nur seiner Klassenpflicht.

Dazu gehört auch, Passanten mit aus der Zeit gefallenen Begriffen aus dem Staatsbürgerkundeunterricht zu beschallen. Und mit abgegriffenen ideologischen Feindbildern. Der Mensch: durch das kapitalistische System sich selbst der nächste. Der Rundfunk: ein Klasseninstrument der imperialistischen Bourgeoisie. Pegida: blind gegen den wahren Feind, die Ausbeuterklasse. Nur selten blitzt ein Zweifel auf, ob die Fronten dieser Welt nicht etwas komplizierter verlaufen.

Sicherheit geben auch die alten Kampfgenossen. Ein Arbeitsloser hilft beim Zettelverteilen, Westphal grüßt eine Flaschensammlerin mit dem großen Beutel, sozusagen das Lumpenproletariat. Einige dunkelhäutige Roma aus der Slowakei weiß zu berichten: „Kommunist gut! Früher Arbeit, Zuhause, Schule, heute alles weg!“ Für die übrigen Passanten ist nicht klar, ob nicht ein Gaukler oder Straßenkabarettist dort steht.

Westphal erntet jedoch keinesfalls nur Spott: „Der bleibt wenigstens linientreu – Wendehälse hatten wir genug“, sagt ein Dresdner. Heimliche Bewunderung für einen Standhaften. Dafür hat Westphal auch schon einiges einstecken müssen. Im Sommer 2010 wurde er auf offener Straße angegriffen.

Online ist Klassenpflicht

Seit einigen Jahren hat Westphal ohne ideologische Vorbehalte die digitale Welt entdeckt. Internet sei auch nur „ein von Proletariern hergestelltes Produkt“, seine Nutzung Klassenpflicht. Dort verbreitet er seine Entertainerversuche als Sänger und Instrumentalist. „Die BRD ist nicht unser Staat, das war sie nie …“, klingt es heiser zu wuchtigen Schlägen der E-Gitarre. In „Stalinwerke“ wird das Vorbild des Generalissimus gepriesen. Auf einer CD zum 13. Februar, dem Tag der Bombardierung Dresdens kurz vor Kriegsende, verkündet er: Das war der Feind!

Dabei ist bei Privatbegegnungen mit dem kauzigen Typ erst einmal wenig von Klassenfeindschaft zu spüren. Proletarische Direktheit ist angesagt, in gepflegtem Deutsch sogar mit bildungsbürgerlichem – nein: bildungsproletarischem Anstrich. Denn lateinische Wendungen liebt Westphal über alles. Und wenn am Wochenende Großreinemachen zu Hause angesagt ist, dröhnt Wagners „Rienzi“ aus den offenen Fenstern. Nur zu Diskussionsrunden einladen sollte man ihn nicht. Die dominiert er in der Art eines geschulten Agitators, der immer das letzte Wort haben muss.

Das letzte Wort der Weltgeschichte wird nach fester Überzeugung Hans-Jürgen Westphals der Kommunismus haben. „Der Tag des Sieges kommt!“ Auch wenn es derzeit überhaupt nicht den Anschein haben mag.

 

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