Der Essener Hygieniker Walter Popp als Gutachter fand überraschend klare Worte: Für die skandalösen hygienischen Zustände sei die Klinik-Politik verantwortlich von Klaus Wolschner

Im Zentrum des Medien-Interesses: der Essener Klinik-Hygieniker Walter Popp vor dem Ausschuss Bild: Klaus Wolschner
Viele Sitzungen hat der Klinik-Untersuchungsausschuss bisher hinter sich gebracht, der die politischen Verantwortlichkeiten für den Tod der Frühchen im Klinikum Mitte klären sollte. Handfeste Ergebnisse hatte diese Arbeit bisher nicht. Und dann kam gestern der von der Staatsanwaltschaft eingeschaltete Gutachter Walter Popp, Hygieniker aus Essen, ein Mann, der kein Blatt vor den Mund nimmt. „Viel mehr Mängel als hier kann man nicht mehr finden“, fasst er seinen Eindruck zusammen. Ärzte und Pflegekräfte sind nach seiner Sicht der Dinge nicht verantwortlich zu machen, sondern das Klinikmanagement und die politische Aufsichtsebene: „Totales Organisationsverschulden“ stellte Popp fest. Die Geschäftsführung des Klinikverbunds habe die fraglichen Stationen so schlecht mit Personal ausgestattet, dass die Hygiene-Vorschriften gar nicht eingehalten werden konnten. Gleichzeitig seien die seit 2009 als „Stand der Technik“ geltenden Vorgaben für ein Hygiene-Management nicht ernst genommen worden. Die Reinigung sei „ein Desaster“ gewesen. Und schließlich sei nach dem ersten Todesfall kein „Ausbruchsmanagement-Team“ gebildet worden mit dem Ziel, den Keimbefall in den Griff zu bekommen, sondern ein „Krisenstab“, dessen größte Sorge die „Schadensbegrenzung nach außen“ gewesen sei, um die Reputation der Klinik zu sichern.
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Das war harter Tobak, und die Ausschuss-Vorsitzende, die SPD-Politikerin Antje Grotheer, mühte sich über mehrere Stunden, durch kritisches Nachfragen die Kompetenz des Gutachters zu erschüttern. „Ich könnte kotzen“, erregte sich der CDU-Gesundheitspolitiker Rainer Bensch in einer Sitzungspause. Der Parlamentsausschuss habe die Aufgabe, den Klinik-Skandal aufzuklären und nicht die Senatorin aus durchsichtigen parteipolitischen Gründen zu entlasten. Claudia Bernhard von der Linken forderte denn auch prompt, dass bei Untersuchungsausschüssen der Vorsitz in Zukunft an die Opposition vergeben werden sollte.
Am Nachmittag kamen dann die Oppositionsvertreter mit ihren Nachfragen zum Zuge. Popp erläuterte das Desinfektions-„Desaster“: Die Reinigung durch schlecht bezahlte Fremdfirmen sei vollkommen unzureichend gewesen, der ESBL-Keim wurde mal an einer Windelwaage gefunden, mal an einer Muttermilch-Pumpe. Es gab eine Salben-Dose, alles optimale Verbreitungswege für Keime. Diese Befunde wurden nach den Todesfällen erhoben – Popp kommt zu dem Schluss: „Allein hiermit lässt sich das ständige Auftreten der Keime bis in das Jahr 2012 hinein zwanglos erklären.“
Und die Hygiene-Fachleute? Schon die Tatsache, dass der Ausbruch (erster Nachweis: Mai 2011) bis zum Mai 2012 nicht gestoppt werden konnte, zeige, dass sie „offensichtlich nicht über ausreichende hygienische Kompetenz“ verfügten. Der Chefarzt Hans-Iko Huppertz habe die Meldung eines Ausbruchs mit der Begründung abgelehnt, es handele sich nur um eine „Häufung“ – fassungslos steht Popp vor so einer Aussage: „Eine Häufung ist doch ein Ausbruch, was sonst?!“ Huppertz habe am Ende selbst nicht mehr gewusst, ob er für Hygiene verantwortlich ist oder nicht. Der Klinik-Hygieniker Dr. Axel Kappler sei ein Mikrobiologe, kein Arzt, und es finde sich in seiner Akte kein Hinweis, wer dafür eine Übergangs-Genehmigung erteilt habe. Er sei bestellt worden, „auch wenn er die Qualifikation nicht hatte“. In den Krisen-Wochen habe er dann kaum eine Rolle gespielt. Sein Labor hätte im Mai 2011 den Ausbruch erkennen müssen, so Popp.
Bei der Klinik-Leitung habe es zudem „genügend Hinweise“ darauf gegeben, dass es „zu wenig qualifiziertes Hygienefachpersonal“ für eine verantwortliche Arbeit auf der Frühchen-Station gab. Auch die Geschäftsführung habe „die Sorgfaltspflicht verletzt“, schloss Popp.
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