Kolumne Ausgehen und Rumstehen

Lauf doch nicht immerzu nackt herum

Die goldenen Zehner und die Goldenen Zwanziger: Alles über jägerkritische Förstertexte, storchlose Torten und Bücher der dritten Kategorie.

Roland Kaiser singt.

Roland Kaiser in full effect.  Foto: dpa

Kann ja eigentlich nur vom Meister selbst sein, der Schlager, oder wie man früher so schön gesagt hat: der Titel. „Zieh dich nicht aus, amore mio! Komm doch nach Haus, amore mio! Trink nicht so viel, amore mio! Bei jedem Glas, amore mio, werd ich ganz blass, amore mio!“

Gemeint ist natürlich Roland Kaiser, der Meister des verschwiemelt pseudoerotischen Schlagertextes. Man denke nur an seinen größten Titel „Santa Maria“, in dem die Defloration einer viel zu jungen Inselschönheit tatsächlich so umsungen wird: „Sie war ein Kind der Sonne,

schön wie ein erwachender Morgen.

Heiß war ihr stolzer Blick.

Doch tief in ihrem Inneren verborgen,

brannte die Sehnsucht. Santa Maria.

Den Schritt zu wagen. Santa Maria.

Vom Mädchen bis zur Frau.“

Wie komme ich aber darauf? Na, zum einen sang mir am Montagmorgen meine Physiotherapeutin den obigen, mir zuvor noch unbekannten Schlager vor. Zum anderen habe ich Freitagnacht die Wiederholung einer „Musikladen“-Ausgabe von circa 1974 im rbb gesehen: Bryan Ferry und Stevie Wonder in einer Sendung! Und zumindest letzterer spielte live - und hatte dafür auch eine großartige Band mit großartigem Schlagzeuger und großartigem Gitarristen und Keyboarder dabei und überhaupt. Und angekündigt wurden eben: Titel! Wie in einer Schlagersendung! „Als nächstes haben wir Stevie Wonder mit dem Titel Superstition“! Man sollte öfter Freitags zu Hause bleiben und schauen, was das gute alte Öffentlich-Rechtliche so nach Mitternacht bringt.

Einen Auftritt dort hatten auch Insterburg & Co. Das war eine recht seltsame Quasi-Hippie-Spaßtruppe um Ingo Insterburg und Karl Dall, vor denen man sich in den Siebziger Jahren in deutschen Fernsehformaten anscheinend gar nicht retten konnte. Jedenfalls blödelten die ziemlich daher, spielten irgendeinen jägerkritischen Förstertext oder umgekehrt, schmissen mit Torte und waren im Grunde komplett unlustig. Versteht heutzutage niemand mehr, diesen Humor.

Torte gab es am Wochenende auch für Beatrix von Storch, aber das ist hier nicht das Thema. Es geht doch um Ausgehen und Rumstehen!

Im Buchladen, der sich Parterre im großen Kaufhaus am Hermannplatz befindet, gibt es mal wieder Grabbeltische - ausrangierte Bücher der zweiten oder dritten Kategorie für wenig Geld. Dahin war ich so aus am Wochenende (okay, ich habe auch noch ausgiebig im Lieblingscafé gesessen und Freunde getroffen). Jedenfalls, gefunden habe ich den untergegangenen Schmöker „Tanz den Fango mit mir“, der in seinem Titel wiederum auf einen anderen bekannten Siebziger-Schlager verweist und von einem SZ-Sportredakteur mit Bandscheibenvorfall geschrieben wurde. Das Cover habe ich gleich fotografiert und meiner Physiotherapeutin per SMS geschickt.

Ein anderes Buch hat mir Christine geschenkt, und zwar „Aus dem Café Größenwahn“ von Egon Erwin Kisch. Ich hatte ja gedacht, dass ich das schon kenne - musste dann aber feststellen, dass ich Kisch mit dem legendären Theaterkritiker Alfred Kerr verwechselt habe. Na, zwei Berliner Größen der Zeitungswelt aus den Goldenen Zwanzigern jedenfalls. Mehr als lohnenswert! Bei Kisch erfährt man zum Beispiel, dass es damals eine recht rigide Polizeistunde gab und delikatere Feierlichkeiten nach 1 Uhr dementsprechend in fliegend gemieteten Privatwohnungen stattfinden mussten. Für diese wiederum mussten sogenannte Spanner und Schlepper (wirklich!) auf der Straße die Kundschaft anwerben.

Außerdem erfährt man, dass es mal ein Lustspiel gab, das „Marietta, lauf doch nicht immerzu nackt herum“ hieß. In diesem Sinne: Trink nicht so viel Rotwein, amore mio!

 
1. 3. 2016

schreibt für die taz gern über Sport, Theater, Musik, Alltag, manchmal auch Politik, oft auch Literatur, und schreibt letzteres auch gern einmal selbst.

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