Kolumne Besser

Lasst uns Wörter töten!

Einer Lieblingsvokabel des politischen Kommentarwesens wird der Prozess gemacht. Am Ende wird sie an die Wand gestellt.

1985, als die Mudschaheddin noch keine Zottelzombies waren, sondern Freiheitskämpfer. Bild: Imago/Russian Look

Die deutsche Sprache kennt viele Wörter. Sogar „übertrieben viele“, wie eine Umfrage auf einem Kreuzberger Schulhof ergab. Eines davon wollen wir heute töten. Nein, keines jener Wörter, die durch Killer wie „umsetzen“ oder „massiv“ ohnehin vom Aussterben bedroht sind.

Auch den Sprachmüll aus Werbung, Internet und Managerseminaren wollen wir heute verschonen und unsere ganze Anstrengung stattdessen einem einzigen Wort widmen. Einem Wort, das sich im deutschen Nachrichten- und Kommentarwesen großer Beliebtheit erfreut und sich zum Beispiel in dieser Meldung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung findet: „Eine Gruppe selbsternannter serbischer Freiheitskämpfer ist in Sewastopol eingetroffen, um Russland bei dem gewaltsamen Anschluss der Krim zu unterstützen.“

Nun dürften diese Freiheitskämpfer unter Freiheit dasselbe verstehen wie ein Teil der Maidan-Bewegung: die Freiheit nämlich, jeden auszumerzen, der nicht in ihre Streichholzschachtelwelt passt. Und natürlich muss man nicht jedem Haufen faschistischer Arschlöcher die Eigenwerbung als Freiheitskämpfer abnehmen, sonder kann sie beim Namen (faschistische Arschlöcher) nennen. Was aber soll das Adjektiv „selbsternannt“?

Die Sinnlosigkeit dieses Wortes erschließt sich – jetzt ein Supertrick, den Sie ruhig mal zu Hause bei einem anderen Wort ausprobieren können – aus der Umkehrung: Was ist das Gegenteil von „selbsternannten Freiheitskämpfern“? In freier und geheimer Wahl gewählte? Fremdernannte? Von den Vereinten Nationen oder der Föderation der Planeten bestimmte? Gemeint ist natürlich: Kämpfer, die wir für Freiheitskämpfer halten.

Dieser Begriff wird, ebenso wie sein Gegenstück, der „Terrorist“, nach politischen Präferenzen verliehen und unterliegt dem Wandel der Zeit und der Interessenlage. So galten in den achtziger Jahren die Mudschaheddin in ihrem heiligen Kampf gegen Bodenreform, Alphabetisierung und Gleichberechtigung der Frauen (also gegen das Programm der afghanischen Kommunisten) in der westlichen Welt nicht etwa als Zottelzombies (das kam erst später), sondern als Freiheitskämpfer, worüber sich hierzulande jenseits der DKP alle einig waren, von den Linksradikalen zur CDU, von der taz zum ZDF-Magazin.

Doch egal, wofür eine bewaffnete Truppe kämpft, fast immer gibt sie vor, für die Freiheit zu kämpfen. Und immer ist sie „selbsternannt“, ebenso wie die meisten Staaten, sofern sie nicht als Ergebnis einer Neuordnung der Welt am Ende eines großen Krieges gegründet wurden, zunächst als „selbsternannte“ entstanden, oft nach einem Unabhängigkeitskrieg oder einer Revolution.

Als in den neunziger Jahren auf dem Balkan reihenweise irgendwelche Dorfältesten nach dem Genuss von ein paar Flaschen Sliwowitz ihren Landstrich für unabhängig erklärten, waren die neuen Staaten allesamt „selbsternannte“, ob sie nun Republik Kroatien oder Republik Serbische Krajina hießen. Bloß wurden einige davon von der Zeitung für Deutschland anerkannt und die anderen nicht.

Allerdings gibt es kein objektive Instanz zur Anerkennung anderer Staaten, nicht einmal die Vereinten Nationen taugen dafür. So wurden die Roten Khmer, die sich nach ihrer Entmachtung durch das kommunistische Vietnam in den Dschungel zurückgezogen hatten, bis Ende der achtziger Jahre von den UN sowie den meisten westlichen Staaten als legitime Vertretung Kambodschas akzeptiert. Die Vereinten Nationen sind keine Oberschiedsrichter; was sie beschließen oder nicht beschließen, ist von Interessen, Überzeugungen und Mehrheiten abhäbgig. Wer seinerzeit kein Problem damit hatte, Jugoslawien ohne Mandat des UN-Sicherheitsrats anzugreifen und die Sezession des Kosovos nach Kräften unterstützte, kritisiert heute Putins Vorgehen auf der Krim als völkerrechtswiderig – und umgekehrt. Die Helden der einen sind die „Selbsternannten“ der anderen.

Hätten die Deutschen ihre „selbsternannte“ Republik von 1918 nicht bald wieder einkassiert – oder hätten sie den Nazis nennenswerten bewaffneten Widerstand entgegensetzt –, sie wüssten vielleicht, dass man Kämpfern oder ganzen Staaten, die man doof findet, mit hundert besseren Begriffen die Legitimität abstreiten kann als mit dem albernen Zusatz „selbsternannt“, der auch in anderen Zusammenhängen fast immer unsinnig ist: Der selbsternannte Experte, der selbsternannte Kritiker, der selbsternannte Künstler – das sind die, denen ich die Anerkennung verweigere.

Eng verwandt ist „selbsternannt“ übrigens mit dem Wort „sogenannt“ und dessen Kurzversion, den politischen Gänsefüßchen; der stilistischen Waffe des kleinen Mannes. Auch sie sind Ausdruck einer halb trotzigen, halb neurotischen Realitätsverweigerung: Da gibt es etwas, das mir so nicht in den Kram passt. Weil ich es aber nicht beseitigen kann, verweigere ich ihm performativ die Anerkennung und schaffe es dadurch aus der Welt; wenigstens ein bisschen, wenigstens aus meiner Welt: die sogenannte DDR, der sogenannte Klimawandel, der sogenannte Stalinismus, die sogenannte Stadt Kaliningrad, die der sogenannte Staat Israel, die sogenannten Christdemokraten, die sogenannten weichen Drogen, der sogenannte Fortschritt, der sogenannte Frauenfußball, der so sogenannte Arabische Frühling, die sogenannte neue Rechtschreibung, mit der aus „sogenannt“ „so genannt“ werden sollte, was man aber wieder rückgängig gemacht hat.

Besser: Peng, peng!

Auch gut: Sie möchten ein Wort töten? Schreiben Sie an pengpeng@taz.de.

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Von Juli 2007 bis April 2015 bei der taz. Autor und Besonderer Redakteur für Aufgaben (Sonderprojekte, Seite Eins u.a.). Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik 2011. „Journalist des Jahres“ (Sonderpreis) 2014 mit „Hate Poetry“. Autor des Buches „Taksim ist überall“ (Edition Nautilus, 2014). Wechselte danach zur Tageszeitung Die Welt.

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