Kolumne Schlagloch

Der getunte Mann

In Davos zeigt sich: Für die erfolgreiche Männlichkeit von heute ist gesellschaftliche Verantwortung in weite Ferne gerückt. Was tun?

Vier Männer in Anzügen sitzen in Sesseln auf einer Bühne vor blauem Hintergrund

Davos-Männer unter sich. Wohin wollen die mächtigen, einflussreichen Selbstverwirklicher? Foto: ap

Es ist eine dieser Wochen, in denen man die männliche Dominanz auf dem Laufsteg präsentiert bekommt: Davos ruft die Weltwirtschaft zum Klassentreffen. Mehr als drei Viertel der Teilnehmer sind Davos-Männer, wie der Soziologe Richard Sennett sie nennt: Teure Anzüge, stolzgeschwellte Brust und null Komplexe, wenn sie mit Armutsberichten von Oxfam konfrontiert werden, schließlich ist jeder seines Glückes Schmied.

Nach dem Schaulaufen werden auf Twitter wieder rote Kreise gekringelt auf die Bilder, auf denen keine Frau zu sehen ist. Dabei ist der Jubel jetzt schon groß: So weiblich sei Davos noch nie gewesen. Einen ganzen Prozentpunkt stieg der Frauenanteil, sagenhafte einundzwanzig sind es nun. Wäre ich ein Davos-Mann, ich würde lächeln wie Buddha. Ein Jahr #MeToo – und die Welt feiert die wenigen Frauen in Davos.

Zu meinen Lebzeiten, wird so ein Davos-Mann denken, ist nichts Wichtiges mehr zu befürchten. Denn die neuen Daten lesen sich in etwa so: Männer immer reicher. Sechsundzwanzig Menschen besitzen so viel wie die ärmsten 50 Prozent weltweit. Die drei reichsten heißen Warren Buffet, Bill Gates und Jeff Bezos. Das sind sicher nur zufällig drei weiße Männer über fünfzig.

Die weibliche Hälfte der Menschheit will nicht so richtig reich werden, scheint es. Im Oxfam-Bericht steht dazu: „Wenn die gesamte unbezahlte Pflegearbeit von Frauen auf der ganzen Welt von einem einzigen Unternehmen geleistet würde, dann hätte es einen Jahresumsatz von 10 Billionen Dollar. Das ist dreiundvierzigmal mehr als Apple aktuell hat.“ Dazu liest man dann Zeitungskommentare wie: „Demnach hat sich die Lage von Frauen weltweit eher verschlechtert. Aber es gibt auch Positivbeispiele.“

Was sind das bitte für Typen?

Der Optimismus mancher Menschen ist wirklich durch nichts totzukriegen. Island und Skandinavien werden es schon richten. Als würden wir auf diesen kleinen Inseln der Wohlhabenden die große Bevölkerungsexplosion erwarten. Stets und ständig halten die kleinen Ausnahmelabore für gute Nachrichten her. Seht, es könnte gehen! Es geht jedoch nicht. Nicht so. Und ein Grund dafür ist die Weinerlichkeit vieler Männer, wenn man sich daranmacht, die herrschenden Strukturen zu kritisieren.

Die herrschenden Verhältnisse werden nun einmal in weiten Teilen von Männern bestimmt. Es wird sich für alle nichts ändern, wenn der Typus Davos-Mann nicht demontiert wird. Es wird sich nichts bessern, solange erfolgreiche Frauen Davos-Männer in Bleistiftröcken geben.

Es wird sich für alle nichts ändern, wenn der Typus Davos-Mann nicht demontiert wird

Es geht hier um rücksichtslose Männlichkeits­ideale, Männer, die Wohlstand, Ansehen und Einfluss vornehmlich für sich horten. Was sind das bitte für Typen? Amazons Jeff Bezos startete eine Rakete und verliebte sich umgehend in eine Frau, die ihn dabei anhimmelt. Da muss die aufgebrauchte Partnerin Platz machen, die hat vermutlich nicht euphorisch genug gehimmelt. Dann die Storys von diesem größenwahnsinnigen Tesla-Typen, mindestens so maßlos wie die selbstverliebten Jungs aus Silicon Valley.

Interessiert nur am eigenen Reichtum

Harald Welzer wies kürzlich darauf hin, dass noch nie eine erfolgstrunkene Gruppe junger Männer die Demokratien so vor sich hergejagt habe wie diese Tech-Milchbubis es tun. Davos ist ein ganzer Bienenschwarm solcher „Männer“. Statt die Gewinne ihrer Konzerne mit 0,5 Prozent zu besteuern, soll man den Herren das Loblied auf ihre Almosen singen, sie nennen das gerne Charity. Oder Corporate Social Responsibility. Her mit den Verdienstkreuzen!

Die idiotischste Verteidigung des Status quo kommt von einem Mann namens Jordan Peterson, der es schafft, sich in einem Klappentext als wichtigster Denker seit Marshall McLuhan zu bezeichnen, weil das angeblich große internationale Zeitungen auch so sähen. In Deutschland wird er prompt mit seitenlangen Interviews belohnt. Marshall McLuhan! Der tauchte früher selbst in den Kinoschlangen von Woody-Allen-Filmen auf – und wo war Jordan Peterson bis jetzt? Er bringt sich als Antifeminist in Stellung und behauptet, die weißen Männer setzten sich armselig zur Wehr.

Männer, die etwas in der Birne haben, knöpfen sich den Typus Davos-Mann vor, weil sie den Schaden sehen, den dieser Größenwahn anrichtet. Schließlich kämpfen sie erst dann für die eigene Sache, wenn sie sich gegen Davos-Männer wehren. Die Wirtschaftsordnung zugunsten weniger macht nicht Halt vor dem männlichen Körper oder den männlichen Daten. Davos-Männer interessiert nur der eigene Reichtum.

Ideale toxischer Männlichkeit

Der Weltwirtschaftsgipfel bringt vorwiegend jene zusammen, die für eine Wirtschaftsordnung stehen, die Verlierer in Serie produziert, männliche wie weibliche. Achtzig Prozent Männer, 65 Prozent davon über 50. Ihr Wirken orientiert sich an Idealen toxischer Männlichkeit. Doch viele Männer fühlen sich selbst bedroht, wenn man ihnen klar macht, diese Männlichkeit sei toxisch.

Zuletzt scheiterte die Firma Gillette mit einem Werbespot groß daran. Wer soll bitte dann die Männerbilder hinterfragen, die eine Ungleichheit wie die derzeitige weiterbefördern? Es wird ständig über das Patriarchat geschimpft, doch die alten Patriarchen hielten Fürsorge noch für eine Ehrensache. Zahlen wie die heute hätten sie beschämt. Sie errichteten Arbeiterwohnungen und fühlten sich jenen, die sie ausbeuteten, zumindest verpflichtet.

Der Typus Patriarch wurde aus guten Gründen erfolgreich dekonstruiert. Was aber auf ihn folgte, war der getunte Selbstverwirklicher, der Davos-Mann. Für die erfolgreiche Männlichkeit von heute ist gesellschaftliche Verantwortung in weite Ferne gerückt. Wohin will der mächtige, einflussreiche Mann? Wohin soll er? Sich von diesen Männerbildern zu emanzipieren, sollte die Aufgabe vornehmlich von klugen Männern selbst sein. Vielleicht haben Männer dann auch nichts mehr gegen Feminismus, wenn sie diese Arbeit nicht Frauen überlassen.

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