Kommentar Afrikas Entwicklung

Der Boden als Bodenschatz

Chinesisch-afrikanische Partnerschaft ist der Schlüssel zur globalen Entwicklung. Aber die Schattenseiten davon sind extrem düster.

Eine Autobrücke vor blauem Himmel

Der Stoff, aus dem die Megastadt-Träume sind: Beton, der mit Sand gemacht wird Foto: Simone Hutsch/Unsplash

Wie viele Baukräne ragen über einer Stadt in den Himmel? Das ist immer noch das verlässlichste Indiz für Entwicklung und Wirtschaftswachstum. Der Bedarf an mehr Bautätigkeit liegt auf der Hand: Die Weltbevölkerung wächst jedes Jahr um über 80 Millionen Menschen, bis zum Jahr 2050 wird es weltweit 2,5 Milliarden zusätzliche Großstadtbewohner geben, viele davon in boomenden Megastädten, wo aus Chaos, Konflikten, neuen ­Lebenszusammenhängen und jugendlicher Kreativität die Gesellschaften von morgen entstehen.

Kein Wunder, dass Sand, ohne den es kein Beton und kein Glas gibt, also auch keine Hochhäuser, Autobahnen oder Großstädte, im Wortsinne das Fundament der Zukunft darstellt. Sand ist der Bodenschatz an sich. Und gerade weil diese Ware so unspektakulär daherkommt und allgegenwärtig ist, ist ihre Gewinnung und Verarbeitung zu einem lukrativen und damit natürlich von Kriminalität durchsetzten Geschäftszweig geworden.

Der Raubbau, den chinesische Unternehmen in Afrika betreiben, macht davor nicht halt, im Gegenteil. China ist die Nummer eins, wenn in Rekordzeit irgendwo komplette Großstädte und Verkehrsnetze aus dem Boden gestampft werden müssen. Afrika steht nach objektiven Gesichtspunkten ganz vorn, wenn es darum geht, in endlosen stinkenden Slums und wuchernden gewalttätigen Megastädten menschenwürdige Lebensverhältnisse zu schaffen, vor denen die Leute nicht bei der ersten Gelegenheit davonlaufen.

Chinesisch-afrikanische Partnerschaft ist der Schlüssel zur globalen Entwicklung. Aber die Schattenseiten davon – Entrechtung und Raubbau – sind extrem düster. Afrika muss sich entwickeln, und dann gibt es irgendwann weniger Flüchtlinge, so lautet das aktuelle Modedogma der Entwicklungspolitik.

Entwicklung kann eine Fluchtursache sein

Aber Entwicklung heißt eben auch, Megastädte zu bauen – und unzähligen Menschen die Lebensgrundlage mit dem Bagger zu nehmen. Auch Entwicklung kann eine Fluchtursache sein.

Schon Europa im 19. Jahrhundert und China im 20. Jahrhundert erlebten den Aufbau von Indus­triegesellschaften als Verstädterungsprozess, der Abermillionen Landbewohner entwurzelte. Europa exportierte seine überschüssigen Bewohner in Kolonien und schlachtete sie in Kriegen ab, China kasernierte die seinen in rechtlosen Unterschichten oder verhinderte ihr Entstehen per Ein-Kind-Politik.

Jetzt ist Afrika an der Reihe. Welche Optionen gibt es da? In den chinesischen Sandgruben Afrikas entscheidet sich mehr als nur das Überleben ugandischer Fischer. Es geht auch um den zukünftigen Zusammenhalt der Welt.

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Seit 2011 Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und seit 1990 Afrikaredakteur der taz.

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