Kommentar CDU/CSU-Attacken auf Schulz

Union ohne Heiland

Der Hype um den SPD-Kanzlerkandidaten offenbart: Die Union hat keine Idee mehr. Sie ist programmatisch nackt. Ein „Weiter so“ mit Merkel ist zu wenig.

Foto vom SPD-Parteitag am 19. März auf einem Smartphone

Bringt die Unionsparteien mächtig ins Schwitzen: Martin Schulz auf dem „Krönungsparteitag“ Foto: ap

Wenn Wahlkämpfer Wahlkämpfern Wahlkampf vorwerfen, ist das immer amüsant. Zumal wenn die Kontrahenten seit drei Jahren geräuscharm zusammen regieren. Und die Wahl, um die es geht, nicht in sechs Tagen, nicht in sechs Wochen, sondern in sechs Monaten stattfindet.

All das ist eine Folge des Schulz-Hypes, der die Union langsam doch nervös macht. Die Zeiten, als die einzige Frage lautete, wer ab Herbst an Merkels Seite mitregieren darf, sind erst einmal vorbei.

Weil Schulz, der Retter der SPD, lieber zu einer lange anberaumten Feier der SPD-Fraktion als zum Koalitionsausschuss geht, feuert die Union rhetorisch nun aus allen Rohren: Party statt Politik. Schizo-Schulz. Das wirkt dann doch etwas überzogen. Bemerkenswert ist, dass die Rollenzuordnung zwischen Kanzlerpartei und Juniorpartner auf dem Kopf steht.

Normalerweise hat die SPD das unschöne Problem, die richtige Dosis zwischen Attacke und Verbindlichkeit zu finden. 2009 und 2013 suchten die SPD-Kanzlerkandidaten Steinmeier und Steinbrück vergeblich die Antwort auf die Frage, ob sie Merkel richtig unter Beschuss nehmen oder doch lieber nett behandeln sollten. Genutzt hat beides nicht.

Ähnlich ratlos schwankt die Union nun zwischen „Wir tun so, als wäre gar nichts passiert“ und hyperventiliert wirkenden Angriffen. Der SPD-Heiland hingegen schwebt in anderen Sphären, fordert Respekt, beschwört Gerechtigkeit und erwähnt die Union kaum mal mit einem Wort. Das kommt der Harmoniesehnsucht des Wahlvolks sehr entgegen.

Ja, Umfragen sind flüchtiger Ruhm. Ja, abwarten, wie grantig die SPD wird, wenn mal wieder was mies läuft. Doch die Union leidet nicht nur unter einer Inszenierungsschwäche. Das selbstverständliche Bewusstsein, die Macht gepachtet zu haben, hat einen Riss bekommen und in den Vordergrund gerückt, was zuvor im Halbschatten lag: Die Union hat keine Idee mehr. Sie ist programmatisch nackt. Ein „Weiter so“ mit Merkel ist zu wenig.

 

Stefan Reinecke ist Autor im Parlamentsbüro der taz. Er beschäftigt sich mit Parteipolitik, vor allem mit der Linkspartei und der SPD, und Geschichtspolitik. Zuvor war er Redakteur bei der Wochenzeitung „Freitag“ und beim „Tagesspiegel“.

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