Ab 2015 muss Deutschland ohne neue Kredite auskommen

Dieses Jahr schenken wir uns nichts

Inmitten der europäischen Veschuldungskrise nimmt Deutschland neue Kredite auf. Ab 2015 muss das Land aber ohne neue Kredite auszukommen.

Den Griechen, Spaniern und Portugiesen die deutsche Finanzpolitik begreiflich zu machen ist schwierig. Denn wir haben eine Bundesregierung, die diese Länder auffordert, hart zu sparen und etwa ihre Lehrer quasi ohne Gehalt arbeiten zu lassen.

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Was aber tut die deutsche Regierung selbst? Inmitten der europäischen Verschuldungskrise leisten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble es sich, Milliarden Euro neuer Kredite aufzunehmen. Und das, obwohl nach der aktuellen Steuerschätzung die deutschen Steuereinnahmen in den kommenden Jahren wohl weiter auf Rekordhöhen steigen werden.

Trotzdem wäre es falsch, den kompletten finanziellen Spielraum im Bundeshaushalt dafür zu verwenden, die Neuverschuldung zu reduzieren. Zwar könnte Schäuble, wenn er alles aus einem Haushalt rausquetscht, auf Kredite wahrscheinlich schon 2013 oder 2014 ganz verzichten. Aber zu welchem Preis? Die notwendige Entlastung der Bürger durch das höhere steuerfreie Existenzminimum und den steigenden Grundfreibetrag müsste dann eins zu eins gegenfinanziert werden.

HANNES KOCH ist Autor der taz.

Das hieße: Einsparungen an anderer Stelle. Dem würden beispielsweise Investitionen in Forschung und Bildung zum Opfer fallen. Das ist nicht sinnvoll in einer Situation, in der viele europäische Regierungen von Deutschland verlangen, Wirtschaft und Konjunktur des Kontinents mit höheren Ausgaben zu unterstützen. Die Bundesregierung hat eine Verantwortung dafür, dass Europa nicht weiter in die Rezession rutscht.

Aus heutiger Sicht ist es ab 2015 dann aber tatsächlich an der Zeit, ohne neue Kredite auszukommen. Mittelfristig und langfristig müssen sich die Bundesregierung und auch die Bürger daran gewöhnen, im Prinzip nur das Geld auszugeben, das hereinkommt. Dann kann es nicht so weitergehen, wie seit 50 Jahren üblich: Geschenke zu verteilen an alle möglichen Interessengruppen bei gleichzeitigem Versprechen, die Steuern und Abgaben zu senken.

Schon jetzt ist die Gelegenheit, diesen Mentalitätswechsel zu praktizieren. Die geplante Senkung der Rentenbeiträge sollte sich die Bundesregierung verkneifen und das Geld besser als Polster ansparen für die nächste Krise. Denn die kommt auf jeden Fall. Es wäre ein schönes Motto für Weihnachten: Dieses Jahr schenken wir uns mal nichts.

 
31. 10. 2012

Geboren 1961, ist selbstständiger Wirtschaftskorrespondent in Berlin. Er schreibt über nationale und internationale Wirtschafts- und Finanzpolitik. 2012 veröffentlichte er zusammen mit Bernhard Pötter und Peter Unfried das Buch „Stromwechsel – wie Bürger und Konzerne um die Energiewendekämpfen“. 2007 erschien sein Buch „Soziale Kapitalisten“, das sich mit der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen beschäftigt. Bis 2007 arbeitete Hannes Koch unter anderem als Parlamentskorrespondent bei der taz.

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