Kommentar Todesfall Hambacher Wald

Kommt jetzt mal runter

Der Unfall im Hambacher Wald muss eine Pause bewirken. Und zwar bei allen Beteiligten: Aktivisten, Polizisten, Politikern – und bei RWE.

Viele Leute sitzen im Kreis

Aktivisten bei einer Schweigeminute im Hambacher Forst Foto: dpa

„Selbst Schuld!“, schreibt jemand im Internet. Wieso sei der Mann auch da oben herumgeklettert? „RWE“, schreibt jemand anderes, habe diesen „Mord“ zu verantworten. Viele Menschen, viele Trolle, viele Bots schreiben gerade bei Twitter und Facebook ungehöriges Zeug – wenn es um den Unfalltod eines Mannes geht, der am Mittwoch von einem Baumhaus hinabgestürzt ist in den Tod. Es ist ja auch immer wieder so einfach: von Schuld zu sprechen und davon, dass die anderen sie tragen.

Schuld, das ist ein Wort, mit dem man alles erschlagen kann. Aber man sollte damit nicht auf die Würde eines Menschen zielen.

Dies ist gerade nicht die Zeit für Parolen. Und vor allem ist der tragische Unfall vom Mittwoch kein Anlass, daraus politisch Kapital schlagen zu wollen. Der Tod im Hambacher Wald ist Anlass für Demut und Respekt vor dem Leben.

Als vor einigen Wochen Aktivisten, Politiker und Journalisten auf die bevorstehende Räumung im Hambacher Wald blickten, fürchteten viele, dort könne „ein zweites Wackersdorf“ entstehen. Dort war einst durch Protest eine atomare Wiederaufbereitungsanlage verhindert worden. Auch im Rahmen dieser Proteste kamen vor über 30 Jahren Menschen ums Leben. Eine Frau erlitt einen Herzinfarkt, ein Mann starb an den Folgen eines Asthmaanfalls, nachdem die Polizei CS-Gas eingesetzt hatte.

Es ist nicht richtig, dass Menschenleben zur Währung für politische Erfolge werden.

Eine Pause muss her

Und ebenso wie es falsch ist, dass Opfer von Messerangriffen von Wutbürgern und Rechtsextremen instrumentalisiert werden, ebenso falsch und verwerflich ist es, den Tod des Mannes aus dem Hambacher Wald zu instrumentalisieren. Nicht nur weil seine Freunde sagen, er hätte das nicht gewollt.

Sicher, es widerspricht der Logik der Auseinandersetzung, freiwillig die selbst gebauten Barrikaden abzubauen. Aber es entspricht dem Gebot der Vernunft, es jetzt zu tun.

Der Unfall im Hambacher Wald muss eine Pause bewirken. In einem verfahrenen politischen Konflikt, in dem der Frontverlauf klar und das Territorium strittig ist, muss es nun Raum geben, verbal und materiell abzurüsten. Der Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen, Herbert Reul, hat damit in einer bewegenden Stellungnahme begonnen und die Räumung bis auf Weiteres ausgesetzt. Besetzer im Wald misstrauen ihm aber, auch weil sie sehen, dass Räumpanzer weiterhin Barrikaden abräumen. Derzeit, sagt die Polizei, räume sie nur Rettungswege.

Sicher, es widerspricht der Logik der Auseinandersetzung, freiwillig die selbst gebauten Barrikaden abzubauen. Aber es entspricht dem Gebot der Vernunft, es jetzt zu tun. Jeder konnte sehen, wie schwierig die Räumung im Hambacher Wald sich darstellt und dass Menschen bereit sind – ob Baum- oder Tunnelbesetzer –, sich dafür in Lebensgefahr zu begeben. Der Preis also ist nun bekannt.

Dies darf nicht der Preis von Politik sein. Daher sollten jetzt die Menschen herunterkommen von den Bäumen, die Polizei abziehen und die nordrhein-westfälische Landesregierung sollte RWE erklären, dass es derzeit nichts zu wünschen gibt. Es ist ansonsten nicht ausgeschlossen, dass der politische Preis dieses Konflikts in weiteren Menschenleben bemessen wird.

.

Der Hambacher Forst ist umkämpft. RWE will ihn für den Abbau von Braunkohle abholzen. Aktivist*innen wollen das verhindern und haben ihn besetzt.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben