Rede von Elke Schmitter

Zimmerleute der Gesellschaft

Im Folgenden bilden wir die Rede von Elke Schmitter für die taz Panter Stiftung beim Panter Preis 2018 ab.

Elke Schmitter über die zwei Seiten des Panters: die empörte und die integrierende. Bild: Hein-Godehart Petschulat

Liebe Kandidatinnen und Kandidaten des taz-Panter-Preises, liebe Genoss*innen und Gäste,

in ihrer Rede zur Eröffnung des Internationalen Literaturfestivals in Berlin, vor gerade mal zehn Tagen, erklärte die Schriftstellerin Eva Menasse, Jahrgang 70, ihr Wundern über die Gegenwart – eine Art verwundetes Wundern.

Menasse, in Wien geboren, ist, wie viele von uns, noch aufgewachsen mit Politikern, die ein biedermeierliches, aber auch gefährliches Ancien Regime verkörperten. Verknöcherte ältere oder auch richtig alte Männer, natürliche Feinde der Jugend, des Idealismus, des liberalen Fortschritts. Ökologie, Emanzipation, der Abschied von nachkrieglicher Finsternis, all das musste erkämpft werden gegen „die da oben“ – ein Spirit, der auch die taz begründete, beseelte und befeuerte.

ist ehemalige taz-Chefredakteurin und seit 2008 Mitglied im Kuratorium der taz Panter Stiftung. Geboren 1961 in Krefeld, begann sie im Anschluss an ihr Philosophiestudium in München journalistisch zu arbeiten. Nach ihrem Abschied als Chefredakteurin der taz 1994 war sie als freie Journalistin für die Zeit und die Süddeutsche Zeitung tätig und gehört seit 2001 zur Redaktion des Spiegels. Sie veröffentlicht Romane, Gedichte und Essays.

Es gab natürlich auch Lichtgestalten, aber die allgemeine Haltung war: Diese Politik ist, um ein schönes Wort aus der alten DDR zu zitieren, „ein überwundener Standpunkt“. Inzwischen ist Eva Menasses, auch meine Generation längst in den Parlamenten. Ein Antagonismus, eine natürliche Gegnerschaft hat sich biologisch, aber auch politisch erledigt. Die Bundesrepublik ist, was wir daraus gemacht haben. Und jetzt?

"Die Welt“, so sagte Eva Menasse in ihrer Rede, „ist zu einem Ort geworden, an dem man sich danach sehnt, demokratische Politiker wie die, die die 'Ehe für alle' eingeführt und der verzweifelten Lage von Bürgerkriegsflüchtlingen mit Empathie begegnet sind, vor Hass und Lächerlichkeit, ja vor dem schieren Verjagtwerden beschützen zu können.

Nicht mehr nur politische Gegner, sondern Feinde

Man möchte die Macht haben, demokratische Abläufe und Institutionen wie den Rechtsstaat zu beschützen vor den Anbrandungen der Empörten, die sich mit ihrem geklauten Schlachtruf 'Wir sind das Volk' für ermächtigt halten, das alles zu zerschlagen. Ihre destruktive Kraft greift um sich wie ein Nervengift".

Ich kenne das Gefühl. Für mich sieht die unmittelbare Gegenwart – nicht immer und überall, aber immer öfter und in immer größeren Regionen - aus wie etwas, das ich bis vor wenigen Jahren nur aus Büchern kannte: Ein Land, in der es nicht nur politische Gegner gibt, sondern auch Feinde. Feinde der Gesellschaft, die wir mitgetragen und -gestaltet haben.

Und ich ertappe mich bei einer Art republikanischer Zärtlichkeit für Institutionen, deren Bestand ich lange Zeit für so selbstverständlich gehalten habe wie die Schwerkraft oder die Tatsache, dass der Schokoladenkern im Nogger immer ein bisschen zu klein war.

Der taz Panter Preis, den wir heute zum 13. Mal vergeben, hatte stets zwei Seiten. Eine empörte, eine gegnerische Seite, gegen Ausbeutung und Misshandlung, gegen offensichtliche Missstände wie gegen klandestine Entwertung, gegen Gleichgültigkeit aus Unwissen oder die Trägheit des Herzens. Und es gab immer die andere Seite – für Inklusion, für Teilhabe, für Rechte von Geflüchteten, von Benachteiligten, von Übersehenen.

Zimmerleute am Werk

Ich habe viel gelernt in diesen dreizehn Jahren über unsere Gesellschaft. Was es hier nicht gab, das war Feindschaft. Oder, sagen wir: Feindseligkeit. Denn die ist rein destruktiv. Jeder Idiot kann eine Scheune anzünden, so heißt eine Redewendung über die Gleichgültigkeit und die Feindseligkeit, aber es braucht einen Zimmermann, um sie wieder aufzubauen.

Beim Panter Preis sind die Zimmerleute am Werk, die Zimmerleute der Gesellschaft, wie wir sie wollen. Eine Gesellschaft, in der es Menschen zweiter Klasse nicht gibt, nicht in der Schule, nicht auf dem Amt, nicht auf der Straße und auch nicht im Puff.

Und zwar nicht nur aus Mitgefühl - eine natürliche Regung, die manchmal im Tiefschlaf ist, aber die man mit Bildern und mit Worten wecken kann. Sondern auch aus dem politischen Bewußtsein heraus, dass Ausgrenzung, dass Degradierung und Missachtung den Missachteten schadet und uns alle schädigt. Dass sie das politische Klima vergiftet; die Luft, die wir alle atmen.

Das Erfreuliche ist: Das Bewusstsein dafür ist gewachsen. Und es hat die Wirklichkeit geprägt, in ihren Strukturen, in ihren Redeweisen und in ihren Rechtsformen. Die westlichen Gesellschaften sind seit der Aufklärung auf dem Weg der Inklusion. Mit dem Wahlrecht für männliche Bürger mit Besitz hat es begonnen, dann waren alle Männer gleich vor dem Gesetz und schon nach zwei Jahrhunderten kamen die Frauen dazu… Irgendwann mussten Kinder auch von armen Leuten nicht mehr ins Bergwerk und in die Fabrik, sondern durften zur Schule gehen.

Am runden Tisch mit Kanten

All das ging nicht von selber, sondern wurde erkämpft. Was sich also faktisch ändert, ist, erfreulicherweise, strukturell dasselbe: Es sitzen immer mehr am sogenannten runden Tisch und haben Ansprüche und reden mit.. In seinem gerade erschienenen Buch „Das Integrations-Paradox“ erklärt der nordrhein-westfälische Beamte Aladin El-Mafaalani – die taz hat heute ein Interview mit ihm -, warum mehr Streit, mehr Auseinandersetzung in der Gesellschaft ein gutes Zeichen ist.

Massiv Diskriminierte, Gedemütigte und Entrechtete protestieren nämlich nicht. Es braucht Selbstbewusstsein und Teilhabe, um Gleichberechtigung überhaupt zu fordern. Es braucht die Möglichkeit, das Erleben in Worte zu fassen, um aus dem Erlebnis eine Erfahrung zu machen, die andere verstehen können. Emanzipation und Ansprüche stärken sich gegenseitig.

Man kann also sagen, am runden Tisch gibt es nicht nur mehr Gedränge, er wird auch erstmal eckiger. Und das ist gut. Wir haben heute Abend wieder sechs Gruppen zu Gast, die den Tisch eckiger machen. Die neue Kanten bilden, an denen man sich scheuern und stoßen soll. Sechs Kandidaten für den taz Panter Preis, das sind sechs Lektionen in Aufmerksamkeit, sechs Wirklichkeiten von Empörung und Mitgefühl, sechs Beispiele für Solidarität, für Organisationstalent und Zuversicht.

Bis der große Tisch ganz rund geworden ist, sind diese Kandidaten, Jahr für Jahr, tätige Optimisten in einer gerade besonders rauhen Gegenwart. Gleich gibt es die Preisverleihung und nimmt uns mit oder haut uns um.Zuvor: Die Band.

Elke Schmitter, ehemalige Chefredakteurin und Kuratoriumsmitglied der taz Panter Stiftung.