Laudatio von Barbara Junge

SOKO Tierschutz e.V.

Barbara Junge würdigt SOKO Tierschutz, Gewinner*innen des taz Panter Leser*innenpreises.

Barbara Junge überreicht SOKO Tierschutz den 5.000 Euro Scheck. Bild: Hein-Godehart Petschulat

Im Folgenden bilden wir das Manuskript der Laudatio von Barbara Junge auf die Initiative SOKO Tierschutz ab, Gewinner*innen des Leser*innenpreises beim taz Panter Preis 2018. Die Laudatio wurde am Abend des 15. September 2018 im Deutschen Theater in Berlin gehalten. (Anm. d. Red.)

Einer der schlimmsten Filme, die Ihr liebe Soko Tierschutz, aufgenommen habt, war für mich der, in dem ein Mann einer Gans energisch ein Metallrohr in den Hals schiebt. Das Rohr, das zu einer Art Trichter führt. Da habe ich erst begriffen, was das ist: eine gestopfte Gans.

Ihr zeigt aus einer anderen Aktion einen auf dem Rücken liegenden Truthahn. Er ist so gemästet, dass der besonders schmackhafte Brustmuskel überdimensional groß geworden ist. Leider kann das Tier sich damit nicht mehr auf den Beinen halten. Auf dem Boden wird es bald von seinen Mitgefangenen tot getreten. Wohin sonst sollen sie in dem engen Käfig auch sonst treten?

Das alles sieht man der Pute, der Gans, dem Schwein oder der Kuh im Laden später nicht mehr an. Man weiß, dass Hühner in überfüllten Legebatterien gehalten werden. Seit dem essen viele von uns hier wahrscheinlich wenn überhaupt dann Freiland-Eier.

Engagieren, dokumentieren, anzeigen, verändern

Aber der Sprung zu dem, was Ihr dokumentiert ist immer noch sehr groß. Ihr dringt heimlich nachts mit Nachtsichtgeräten in Ställe ein. Ihr macht nichts kaputt, sondern dokumentiert. Schon das muss Euch angesichts dessen, was Ihr seht, nicht leicht fallen. Aber ihr verhindert damit, dass die von Euch besuchten Betriebe ihre Verbrechen an den Tieren vertuschen, sollten sie den heimlichen Besuch gemerkt haben.

Stattdessen zeigt Ihr den jeweiligen Betrieb an. Damit sich wirklich etwas ändert. Und das ist es, was unsere Panterpreisträger und-trägerinnen auszeichnet. Sie engagieren sich, machen mutig auf Missstände aufmerksam; damit sich etwas zum Besseren verändert.

Jahrgang 1968, ist Soziologin und Journalistin. Sie war von 1996 bis 2001 taz Redakteurin. 2016 kam sie zurück aus Washington, wo sie als Korrespondentin für den Tagesspiegel gearbeitet hat. Seit Mai 2016 ist sie stellvertretende Chefredakteurin der taz und seit Anfang November 2016 auch Kuratoriumsmitglied der taz Panter Stiftung.

Das habt Ihr schon mehrfach erreicht. Eure Informationen gehen an Verbraucherorganisationen und Behörden. Aufgrund Eurer Informationen wurden Höfe vorübergehend geschlossen oder gegen sie Ermittlungen aufgenommen. Eure Filme werden von den großen Sendern benutzt und so zeigt Ihr das Elend einer größeren Zahl an Leuten.

Eure Arbeit wird natürlich auch kritisiert. Ihr arbeitet mit viel Moral und dramaturgischen Mitteln. Ihr testet die Grenzen des zivilen Ungehorsams. Über Gegenwind werdet Ihr Euch vermutlich nicht wundern.

Macht der Konsument*innen

Wer die Gans, die Pute, das Skelett eines pelz-spendenden Waschbären, die grausamen Wunden der Schweine gesehen hat, die sich gegenseitig in engsten Käfigen kanibalisieren, die abgebissenen Schwänze und halben Ohren; wer den Berg von Schweinekadavern oder die schimmelnden Tiere gesehen hat, die in ihrem Dreck verendete Kuh, versteht aber, dass Eure Arbeit wichtig ist. Die Bilder sind schwer auszuhalten.

Der Panter-Preis wird jährlich an Engagierte, Aktivistinnen oder Organisationen vergeben, die sich unter großem, persönlichen Einsatz für andere stark machen, die hartnäckig und uneigennützig sind und, ohne viel Aufhebens um das eigene Engagement zu machen, für eine bessere Welt kämpfen.

Aus meiner Perspektive, als eine, die seit dem Buch „Tiere essen“ weitgehend fleischlos isst, wäre die Welt ohne diese Tierquälereien gewiss ein besserer Ort. Man muss nicht wie Ihr Veganer*in sein, um von diesen Zuständen abgestoßen zu sein. Ihr fordert ein, dass die Menschen sich darüber bewußt werden, wie groß ihre Macht ist. Ihr sagt, die Menschen können das System ändern, in dem sie die Produkte nicht mehr kaufen. Das gilt natürlich auch für Leute, die Fleisch essen nicht per se ablehnen.

Täglich ertrinken Menschen im Mittelmeer. Privatpersonen, manch ein Promi, Kollektive fahren auf Booten mit und ziehen Flüchtende tot oder lebendig an Bord. Es fällt in dieser Situation schwer, nicht wie automatisch Aktivist*innen auszuzeichnen, die sich für Flüchtlinge einsetzen.

Kampf für Tierwohl mobilisiert

Aber wenn wir hier jemanden auszeichnen, heißt ja nicht, dass anderes Engagement auch nur einen Deut unwichtiger wäre. Jeder und jede an ihrem Ort. Und ich spreche hier ja über den Publikumspreis. Ganz offenkundig habt Ihr sehr viele Menschen mobilisieren können, für die Soko Tierschutz zu stimmen. Was nicht heißt, dass die Mitglieder der Jury Euch nicht große Sympathien entgegenbringen - im Gegenteil.

Mich habt Ihr mit den Bildern der gequälten Tiere erwischt. Immer wieder habe ich daran gedacht, dass sie nicht sprechen können. Und vielleicht ist es genau das, was Eure Arbeit so wichtig macht. Ihr setzt Euch für Tiere ein, die nicht für sich sprechen und sich nicht wehren können.

Barbara Junge, 15. September 2018, Deutsches Theater, Berlin.