Reisebericht Senegal Dez. 2013

„Der Präsident vergisst uns, also vergessen wir den Präsidenten“

taz-Journalistin Ines Kappert hat zu Weihnachten 2013 die taz-Reise nach Senegal begleitet.

Frauen aus dem REFDAF-Netzwerk fordern in Dakar mehr Rechte für Frauen Bild: Madjiguène Cissé

Nirgends in Afrika ist die Demokratie so stabil wie im Senegal. Das macht das Reisen vergleichsweise leicht und sicher, was natürlich auch unserer taz-Reise zu Gute kam. „Demokratie ist unserer wichtigstes Exportgut“, spötteln Insider der Reisegruppe gegenüber und spielen darauf an, dass die weitgehende Gewaltlosigkeit, mit der im westlichen Lands Afrikas Interessenkonflikte ausgetragen werden, diesem internationale Kredite sichert.

Trotzdem ist der Senegal arm, die Eliten sind indessen reich und korrupt und die ehemalige Kolonialmacht Frankreich tut ihr übriges dazu, das kleine Land mit seinen etwa 13 Millionen EinwohnerInnen in Abhängigkeit zu halten. Schätzungen nach arbeiten etwa 70 Prozent der Senegalesen im so genannten informellen Sektor. Das heißt, sie betreiben vom Staat nicht erfasste kleine Geschäfte und leben ohne jede Absicherung. Entsprechend grassiert die Korruption.

Auch der neue Präsident, Macky Sall, den friedliche Proteste 2012 an die Macht gebracht haben, hat schon zwei Jahre nach Amtsantritt für sich und seine Familie ausgesorgt, die meisten seiner Fürstreiter sind mittlerweile ernüchtert. Immerhin war Sall angetreten, die immer weiter um sich greifende Korruption zu bekämpfen.

Die Jugendbewegung "Y'en a marre" ("Uns reicht's") wurde 2012 durch bekannte Rapper wie Didier Awadi mit getragen Bild: Archiv

„Der Präsident vergisst uns, also vergessen wir den Präsidenten“, so pointiert es heute Didier Awadi. Er ist der einflussreichste Rapper und die politische Stimme der aufbegehrenden Zivilgesellschaft. Sein Ruhm reicht weit über den Senegal hinaus, er ist ein Idol für viele in ganz Westafrika.

Der 44jährige ist davon überzeugt, dass mit dem vorhandenen politischen Personal kein Staat zu machen ist und nur die Rückbesinnung auf die eigene Kraft und vor allem die der Jugend, also nur eine „Demokratie von unten“, sein Land retten kann. Die Bevölkerung des Senegal ist extrem jung: 43 Prozent sind unter 15 Jahre alt.

Toleranter Islam

Fast ebenso berühmt wie für seine Demokratie und seine exzellenten Musiker und Musikerinnen ist der Senegal für seinen toleranten Islam. Die Mehrheit der senegalischen Muslime ist religiös und in unterschiedlichen Bruderschaften organisiert. Häufig findet sich der ausgewählte Iman auf der Visitenkarte, gleich neben der Berufsbezeichnung.

Die große Moschee der Mouriden-Bruderschaft in Touba Bild: Archiv

Gleichzeitig stört man sich weder grundsätzlich am Alkoholkonsum noch an unverschleierten Frauen. Nicht verhandelbar indessen sind die männliche Vorherrschaft und die Polygamie. Bis zu vier Frauen sind erlaubt und zwei die Regel – in allen Gesellschaftsschichten.

Nur wenige kritisieren dieses auf der Scharia basierende Familienmodell, darunter auch der in Dakar und Nantes lehrende Historiker Professor Ibrahama Thioub. Der international anerkannte Forscher zur Geschichte der Sklaverei unter anderem im Senegal ist strikt gegen die Polygamie – der Kinder wegen.

Die Mütter würden ihre Konkurrenz untereinander über ihre Sprösslinge, zumal die Söhne austragen. Er selbst erinnert sich noch gut an den schmerzhaften Leistungsdruck und die ewigen Wettstreit unter den Halbgeschwistern. Niemals würde er das seinen Kinder antun wollen. Die Situation der Frauen ist weniger sein Thema.

Frauengruppe im "REFDAF"- Büro, Dakar Bild: Madjiguène Cissé

Eine ökonomische Perspektive für Frauen

Für diese interessiert sich Refdaf. Wörtlich übersetzt bedeutet diese Abkürzung „Reseau des Femmes pour un Developpement durable en Afrique“: Netzwerk für Frauen für eine nachhaltige Entwicklung in Afrika. Rund hundert Initiativen aus zwölf Regionen im Senegal versammeln sich unter diesem Dach.

Ihr gemeinsames Ziel ist die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen in Afrika. Die durchweg weiblichen Mitglieder erwirtschaften Geld durch den Verkauf von Fisch, Gemüse, Seife und Batikprodukten und gewähren sich gegenseitig Kleinstkredite. Ihren Hauptsitz hat die Vereinigung in Dakar, der Hauptstadt des Senegals. Hier wohnt auch die Präsidentin Madjiguène Cissé.

Die inzwischen pensionierte Deutschlehrerin und ehemalige Sprecherin der Sans Papier in Frankreich vibriert vor Energie, macht sich über die Missstände in ihrem Land keine Illusionen und kann trotzdem über diese lachen. Sie benennt Armut und häusliche Gewalt als die zentralen Probleme für Frauen und Kinder im Senegal.

Straßenhändler in Dakar Bild: Jenny Bäse

Deshalb brauchen Frauen für sich und ihre Kinder ein eigenes Zuhause und dafür wiederum benötigen sie ein eigenes Einkommen. Regierungspolitik und ideologische Fragen sind für Cissé von nachgeordneter Bedeutung. Viele Männer ereile eine Identitätskrise, weil sie aufgrund der breiten Erwerbslosigkeit ihre Rolle als Familienernährer nicht ausfüllen könnten? Und griffen deshalb zur Gewalt? Diese These hört man viel im Senegal.

Cissé ist da skeptisch. Das mag ein Grund sein, wichtiger aber ist, wie Frauen sich selbst besser schützen können. Ihr und der Organisation Refdaf geht es darum, Frauen und ihren Kindern einen sicheren Ort zu verschaffen. Es geht um praktische Hilfe zur Selbsthilfe. Dieses Bestreben ist in seiner Einfachheit so bestechend wie richtig, und doch unendlich schwer zu erreichen.

Denn die Frauen, die sich hier organisieren, verfügen im buchstäblichen Sinn über keinerlei Ressourcen. Für Refdaf gibt es keine staatliche Hilfe und auch nur sporadische Spenden. Für Banken sind die Frauen am unteren Rand der Gesellschaft nicht kreditwürdig, da sie über kein (regelmäßiges) Einkommen verfügen.

Öffentlicher Brunnen in Toubab Dialow an der Atlantik-Küste Bild: Archiv

Die Ehemänner und Väter, so noch greifbar, sind zumeist selbst auf Jobsuche. Daher bleibt den Frauen nur die Selbstorganisation. In kleinen Zentren ermöglichen sie Mädchen zum Beispiel die zertifizierte Ausbildung zur Frisörin oder Schneiderin.

Wichtig ist auch, dass die sich nun selbstorganisierenden Frauen, im vertrauten Rahmen lernen, über Tabus zu sprechen. Eines Tabu ist illegale Migration nach Europa, im Senegal nennt man sie: „heimliche Migration“. Mütter spielen hierbei eine zentrale Rolle. Denn in der Regel sparen sie das Geld, um den Sohn auf die weite, gefährliche Reise zu schicken.

Darüber aufzuklären, wie gering die Chance auf etwas Geld, gar auf etwas Glück in Europa geworden ist, dank des hochgerüsteten Flüchtlingsabwehragentur Frontex und auch wegen der Wirtschaftskrise in vielen der Anrainer-Mittelmeerstaaten, gehört auch zur Arbeit von Refdaf. Selbstermächtigung bedeutet stets, einen Weg zu finden, wie die Familien im Senegal in ihrem Zuhause eine ökonomische Perspektive entwickeln können.

REFDAF-Frauengruppe, die sich für Umweltschutz einsetzt, auf dem Weg in das Naturschutz-Gebiet von Popinguine Bild: Madjiguène Cissé

Dafür verfolgt Refdaf seit vielen Jahren zwei Großprojekte: Die Eröffnung einer Markthalle im Norden Dakars, in der über sie organisierte Frauen Stände mieten und ihre regionalen Produkte verkaufen können – und eine Siedlung, Cité de Femmes, wo Frauen mit ihren Kindern 300 Wohneinheiten zu günstigen Preisen und mit günstigen Krediten erwerben können. Seit 2003 zahlen die Frauen trotz ihrer prekären Situation und ihrer meist winzigen Einkommen auf ein gemeinsames Bankkonto ein – doch noch ist ihr Traum von einem sicheren Zuhause ein Traum.