Joachim Löws Team ist eine zukunftsverheißende Mischung aus Bayern und Dortmund. Und Schweinsteiger ist der Beckenbauer von heute. von Peter Unfried

Bastian Schweinstiger: Räume sehen, Räume nutzen. Und alles ohne „Mia-san-mia“-Folklore. Bild: dapd
Es gibt offenbar Menschen, denen bei den zwei EM-Siegen der deutschen Nationalmannschaft noch die ästhetische Dimension fehlt. Ja, dann sollen sie halt dem Bundestrainer zusehen, wie er am Spielfeldrand tanzt. Und sich dann fragen: Warum tanzt der Junge? Er tanzt, weil Deutschland beim 2:1 über die Niederlande schon so ziemlich genau das spielte, was Joachim Löw in den letzten Jahren erarbeitet hat.
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Ja, aber, geht es nicht noch etwas spektakulärer? Es hängt vom Gegner ab. Das Spektakel der WM 2010 ergab sich aus der Dysfunktionalität eines Gegners wie Argentinien oder einer nicht planbaren Spielentwicklung wie gegen England.
Sicher waren auch die Niederländer ein dysfunktionales Team, aber eben trotzdem nicht so einfach mal durch Umschaltspiel auszukontern.
Auch wenn in Charkow seine internationale Karriere zu Ende gegangen sein dürfte, muss man den zur Halbzeit auswechselten Kapitän Mark van Bommel jetzt nicht als unfähig oder altersschwach diskreditieren – das werden die Niederländer selbst übernehmen. Aber der Unterschied zwischen ihm und Bastian Schweinsteiger in der Interpretation und in der Ausführung des Sechser-Jobs war schon spielentscheidend.
Es ist sicher kein Zufall, dass Interviews mit Schweinsteiger nach Spielende mittlerweile hochspannend geworden sind, weil er im Gegensatz zu manchen Kollegen – tatsächlich inhaltlich und sachlich über das Spiel spricht. Und zwar egal, wie polemisch die Frage ist. „Heute hatte ich einfach mehr Räume in der Offensive und die habe ich auch genutzt“, sagte er in Charkow.
Kleiner Satz, große Bedeutung. Es ist zum einen ein Hinweis darauf, dass die Portugiesen diese Räume im Auftaktspiel nicht boten und mithin sorgfältiger verteidigten. Zum anderen zeigt es, dass Schweinsteiger (und damit Löw) den Sechser-Job umfassender versteht als van Bommel und auch Nigel de Jong (und damit der niederländische Trainer Bert van Marwijk), die diese Räume erst gar nicht suchen. Nur weil es die Räume gab und Schweinsteiger sie kompetent besetzte, konnte Mario Gomez seine beiden Treffer erzielen, wobei beide Vorlagen von Schweinsteiger kamen.
Letztlich wird man sich in den Niederlanden bei einem Ausscheiden vermutlich darauf verständigen, dass van Marwijk das einstige Kreativprojekt durch einen unzeitgemäßen Stilwechsel totdeutschisiert hat. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die Niederlande waren tatsächlich „defensiv nicht gut genug“, wie der Trainer sagte. Als Verbund und speziell wegen einer, höflich formuliert, mediokren Abwehr. Durch die geringen Möglichkeiten ihrer Aufbauspieler fehlten ihnen aber eben auch strategische Mittel für die Offensive jenseits des individuellen Potenzials.
Dass jenes verschüttet blieb, lag vor allem auch daran, dass Schweinsteiger und sein Sechserkollege Sami Khedira mit Wesley Sneijder den entscheidenden Zulieferer aus dem Spiel nahmen, und zwar viel besser, als das den Dänen gelungen war.
„Unglaublich stark“, fand Löw die beiden, und das war kaum übertrieben. Speziell Schweinsteiger bekomme „eine immer größere Präsenz“. Nun fällt im Zusammenhang mit dem ersten Treffer zunächst selbstverständlich die Pirouette von Gomez ins Auge.
Doch was die Ästhetik von heute auf ihren Punkt bringt, ist der Innenseitenpass von Schweinsteiger. Auch im Abgleich mit Franz Beckenbauers Außenristpässen, die ja als Inbegriff der Fußballkunst gelten. Sah wunderschön aus, doch Beckenbauer tarnte damit in den Siebzigern seine eisenharte Pragmatik. Schweinsteigers Pass sieht pragmatisch aus, ist aber das perfekte Kunsthandwerk auf der Höhe der Zeit.
So kann man im übrigen auch Mario Gomez verstehen, der selbstverständlich die öffentlichen Gedanken über Fußball und ihre Abbildung in Medien auch in den nächsten Tagen dominieren wird. Weil er das Irrationale des Fußballs symbolisiert. Fälschlicherweise.
In Wahrheit ist auch er ein Kunsthandwerker, dessen Job in Löws flachhierarchischem Team der letzte Ball ist. Den vorletzten kann er nicht, wie man auch gegen Holland sah. Und wenn das zwingend verlangt wird, spielt Miro Klose. Aber das, was er kann, das kann Gomez, und darin ist er seit zwei Jahren Weltklasse.
Es wird immer klarer, dass Löws Deutschland – der Begriff meint selbstverständlich das Fußballteam – eine zukunftsweisende Mischung aus Dortmund und Bayern ohne Stars ist. Auch wenn derzeit nur Mats Hummels vom BVB spielt – das sehr intensive Laufen, Arbeiten und Umschalten, das Flachhierarchische und der Teamspirit ist Dortmund.
Im Grunde die ganze Basis. Und es zeigt sich, dass sich in dieser Art Fußball eben gerade auch die modernen Bayern-Profis Manuel Neuer, Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger besser ausdrücken können als in einem inhaltsfreien „Mia san mia“.
Ohne Arjen Robben verhöhnen zu wollen, besteht derzeit der positive Unterschied zum FC Bayern darin, dass weder er noch Franck Ribery bei uns spielen.
Deutschland ist nicht abhängig von einem Star. Deutschland macht Stars. Selbst der gute, alte Poldi arbeitet auf der linken Defensivseite, dass einem die Tränen in die Augen steigen. Vor Rührung.
Es scheint alles fast zu schön, um wahr zu sein.
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Das Team: Aus den Stadien und dem Quartier der deutschen Mannschaft berichten die taz-Sport-Redakteure Andreas Rüttenauer und Markus Völker. In Warschau beobachten Gabriele Lesser und Uli Räther das Geschehen, in Kiew Juri Durkot. In Berlin sind dabei: Svenja Bednarczyk, Frauke Böger, Michael Brake, Jan Feddersen, Enrico Ippolito, Johannes Kopp, Katerina Mishchenko, Barbara Oertel, Erik Peter, Jan Scheper und Deniz Yücel.
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Leserkommentare
23.06.2012 13:15 | Anders
Bundesfutzi Löw wird sich mit seinem taktischen gehabe noch selbst schlagen. Der Krüppel Schweinsteiger (hat sich nicht erh ...
15.06.2012 11:44 | Bernardo
und nochmal : ihr habt ja einen richtig kompetenten sportjournalisten ! sowohl das portugalspiel als auch das gegen hollan ...
15.06.2012 11:03 | ralf ansorge
nur mal als frage an die taz: ...