Wasserkrise in Venezuela

Erst der Strom, jetzt das Wasser

Nach wochenlangen Stromausfällen fehlt in Venezuela nun Trinkwasser. Der Zusammenbruch der Versorgung liegt im System begründet.

Menschen stehen mit leeren Kanistern in einer langen Schlange vor einer Wasserausgabestelle in Caracas, Venezuela

An Wasseraus­gabestellen wie dieser hier in Caracas kommt es manchmal sogar zu Prügeleien Foto: reuters

CARACAS taz | Erst war es der elektrische Strom, in der Folge fehlt nun auch das Trinkwasser. Venezuelas Krise verschärft sich immer mehr.

Das Trinkwasser für die über zweieinhalb Millionen Einwohner*innen von Caracas muss von verschiedenen Stauseen in die Stadt gepumpt werden. Einige von ihnen liegen 800 Meter tiefer als Caracas. Der Ingenieur Abraham Salcedo von der Universidad Central de Venezuela führt aus, dass die Wasserversorgung der Hauptstadt aufgrund der geografischen Verhältnisse eine ausgesprochen kostspielige Aufgabe ist.

Dazu kommt, dass einige der vielen Hügel in der Stadt sehr stark bebaut und bewohnt sind – ein großer Teil der Bevölkerung lebt auf einer Höhe von 1.000 Metern über dem Meeresspiegel. Sie mit Trinkwasser zu versorgen ist noch schwieriger angesichts dessen, dass die Versorgung praktisch kostenlos ist, wie auch Gas, Strom und Benzin. Der Zusammenbruch liegt schon im System begründet. Irgendjemand wird irgendwann die politischen Kosten dafür auf sich nehmen müssen, das zu ändern.

Die Krise der Stromversorgung, die derzeit das Land erschüttert, kommt dazu. Denn in allen Mehrfamilienhäusern braucht man Strom, um das Wasser von den Tanks in die Wohnungen zu pumpen. Das gleiche gilt für Erziehungseinrichtungen und Bürogebäude und verschärft sich noch in Krankenhäusern und privaten Gesundheitszentren.

Es kommt zu Konfrontationen mit der Polizei

In Folge der häufigen Stromausfälle der letzten Wochen ist die Lage immer schlimmer geworden. Die Folge waren Proteste der Unzufriedenheit, die zu Konfrontationen mit der Polizei führten. Es gab bereits zahlreiche Verletzte und einige Todesopfer.

Die Regierung Maduro hat einen ihrer Minister verkünden lassen, die Stromversorgung für die Dauer von 30 Tagen zu rationieren. Und eine Flotte von Tanklastwagen bemüht sich, die am stärksten betroffenen Viertel mit Trinkwasser zu versorgen. Aber alle Anstrengungen können das Wasser aus dem Hahn in der eigenen Wohnung nicht ausgleichen – Unzufriedenheit und Aggressivität steigen von Tag zu Tag.

Der 48-jährige Gabriel Hermoso lebt in einer geräumigen Dreizimmerwohnung in einem Mittelklasseviertel von Caracas. Vor ein paar Monaten hat seine Mutter das Land verlassen – wie sehr viele Venezolaner*innen lebt sie jetzt in Panama, auf der Suche nach der verlorengegangenen Normalität. Gabriel ist privilegiert: Er hat ein gutes Auto, und das erleichtert ihm die Wasserbeschaffung, die zu Fuß oder mit dem öffentlichen Nahverkehr eine Herkulesaufgabe wäre. Viele Autos stehen still, weil es kaum Benzin gibt, keine Ersatzteile, und weil die Straßen in immer schlechterem Zustand sind.

Zehn Kilometer zur nächsten Wasserquelle

Gabriels Wasserquelle liegt etwa zehn Kilometer von seiner Wohnung entfernt. Dort war früher eine von Nonnen geleitete Erziehungsanstalt, jetzt steht das Gelände leer. Aber in den Tanks gibt es noch beträchtliche Mengen Wasser. Am Eingang des Geländes steht ein Militärposten, hinter Sandsäcken verschanzt, wohl um Plünderungen zu verhindern. Sie machen eine Ausnahme und lassen Gabriel durch. Drinnen muss er warten, vor ihm sind noch andere. Nach einer halben Stunde ist Gabriel an der Reihe und füllt rasch Behälter um Behälter. Er muss sich beeilen, denn er will auf jeden Fall im Hellen zurückkehren – in der Dunkelheit ist es draußen zu gefährlich.

Irgendwann sind seine zwanzig Kanister gefüllt. Fünf Liter fasst jeder, so dass er mit 100 Litern Wasser zurückkehrt. Den Ort hat er über einen ehemaligen Angestellten der Erziehungsanstalt kennengelernt – es ist keiner jener öffentlichen Plätze, die die Regierung für die Bevölkerung zum Wasserholen eingerichtet hat. Da stehen immer sehr lange Schlangen, die Menschen werden ungeduldig, nicht selten kommt es zu Prügeleien.

Gabriel ist froh, dass es keine Schwierigkeiten gab und fährt zufrieden nach Hause. Aber in ein paar Tagen muss er wieder los, wenn das Wasser verbraucht ist. Zu Hause wird er das Wasser aufkochen, um Keimen vorzubeugen. Zudem hat er noch eine Waschschüssel aus den alten Zeiten, als fließendes Wasser im Haus noch nicht üblich war. Er macht vor, wie man damit duscht: Ein kleines Schälchen Wasser schüttet er langsam über den Kopf, von dort aus benässt es den ganzen Körper.

Im Fernsehen gab es neulich eine Reportage über Orte, an denen sich Venezolaner während der Wasserkrise waschen: eigentlich überall, wo ein bisschen Wasser irgendwo fließt. Die Behörden weisen zwar auf die Gesundheitsgefahren hin, aber die Notlage wiegt schwerer als die Vorsorge. In den Nachrichten wird von Orten berichtet, die fast drei Wochen ohne Trinkwasser waren.

Die Wasserkrise schadete der Opposition

Für Gabriel ist all das eine großes Manöver der Regierung. Dank der Krise bei Strom und Wasser ist die Opppositionswelle von Januar und Februar zum Erliegen gekommen, die damals für die Regierung bedrohlich angeschwollen war.

Shirley Chinea ist eine sympathische junge Frau, die sich eine Wohnung mit ihrer Mutter und ihrer gerade erst achtjährigen Nichte teilt. Sie wohnt in einer der am heftigsten von der Krise betroffenen Gegenden der Stadt, nämlich in Santa Fé, einem der höchstgelegenen Viertel von Caracas.

Wann es Wasser gibt und wann nicht, ist immer eine Überraschung, also muss man rund um die Uhr wachsam sein, um den Augenblick nicht zu verpassen, an dem alle möglichen Behältnisse aufgefüllt werden können. Sie ist sauer auf die Regierung, denn ihrer Meinung nach liegt das alles nur an deren Unfähigkeit, die öffentlichen Güter zu verwalten.

Es waren auch schon manchmal drei oder vier Tage am Stück, an denen es kein Wasser gab. Sie mussten dann 20-Liter-Kanister kaufen, aber deren Preise sind dank der Hyperinflation, unter der das ganze Land leidet, durch die Decke geschossen. Wie so viele andere sieht auch Shirley keine kurzfristige Lösung in Sicht. Sie und ihre Familie bereiten sich mental auf harte Zeiten vor.

Sie gibt der Regierung die Schuld

Die Regierung findet sie unerträglich. Sie glaubt nicht daran, dass alle Probleme nur durch die Aktionen der Opposition entstanden sind, erst recht nicht durch die Sanktionen von Donald Trump. Die, erinnert sie, gibt es ja erst seit Kurzem, aber Mangel, Arbeitslosigkeit, Rezession und ihre Folgen sind schon seit 2015 zu spüren.

Wie in anderen Wohngebieten sind die Menschen auch in Shirleys Viertel dazu übergegangen, Tankwagen anzumieten, um die Wassertanks der Häuser aufzufüllen. Aber das wird jeden Tag schwieriger, weil die Fuhrleute dazu übergegangen sind, die Preise in US-Dollar zu berechnen und jedes Mal ein bisschen mehr zu verlangen: 100, 150, 200 Dollar alle zwei oder drei Tage für eine Tankfüllung – das wird zur teuflischen Spirale und führt immer wieder auch zu heftigen Konflikten zwischen den Bewohnern. Denn irgendeinen gibt es immer, der das Wasser zum Autowaschen verschwendet oder irgendetwas anderes damit macht, was nicht so dringend ist.

Die Ärztin María Graciela López, Vorsitzende der Venezolanischen Gesellschaft für Infektionskrankheiten, hat die Bevölkerung der Hauptstadt schon mehrmals aufgerufen, das Wasser vor dem Verzehr stets zu kochen, egal, wo es herkommt, um Durchfallerkrankungen zu vermeiden, an denen schon jetzt viele Neugeborene und Kleinkinder sterben. Wurm- und Salmonellenbefall und Hepatitis A, alle verursacht durch schlechte Trinkwasserqualität, treten immer häufiger auf, hat sie beobachtet. Die Behörden veröffentlichen schon seit 2016 keine epidemologischen Daten mehr.

Übersetzung Bernd Pickert

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