Schulz über Schulz

Schulz ist ein sehr guter Name

Der neue SPD-Kanzlerkandidat heißt Schulz. Was bedeutet das? Und wie kann man mit diesem Namen leben?

Eine Karikatur über den Namen Schulz

Grafik: Frank Schulz

Namentliches Kastenwesen

Warum gibt es eigentlich so wenige Promis, die Schulz heißen? Muss ja nicht gleich Politiker sein, Filmstar würde schon reichen. Oder Wissenschaftler. Oder Sportler. Aber nein: Zwar wird dem Nachnamen Schulz absolute Massentauglichkeit nachgesagt. Aber unter den oberen Zehntausend scheint das nicht angekommen zu sein.

Wer mit diesem Namen aufwächst und großen Träumen nicht abgeneigt ist, muss sich mit diesem Dilemma auseinandersetzen. Handelt es sich vielleicht um einen Fall bewusster sozialer Diskriminierung? Das dtv Brockhaus-Lexikon vermeldet über den dem Namen zugrunde liegenden Begriff: „Der Schulze war eine Art Dorfpolizist, der dem Stand der Bauern angehörte und auch von ihnen selbst gewählt wurde. Er überwachte die Arbeit der Bauern, sammelte die Steuern für den Grundherrn ein, und meldete ihm jegliche Gesetzesübertretung auf seinen Lehen.“ Kann einer, der dem Namen nach Polizist ist, also nicht mehr werden als ein Bauer oder Polizist? Existiert gar ein Kastenwesen im deutschsprachigen Raum?

Tatsächlich gibt es dafür Belege. Wer seit vergangener Woche auf die Frage, wie der eigene Nachname denn geschrieben werde, antwortet: „Wie der SPD-Spitzenkandidat“, erntet meist ein nicht nur leises Lachen. Heißt hingegen jemand Schiller und verweist bei derselben Frage auf den auch nicht unbekannten Dichter, traut sich das niemand.

Hoffen wir, dass es just daran liegt, dass Martin Schulz Spitzenkandidat einer Partei ist, bei der man sich bisweilen fragt, mit welchem Recht sie sich überhaupt das Recht herausnimmt, überhaupt einen Spitzenkandidaten aufzustellen.

Und hoffen wir, dass der Spitzenkandidat der Anfang vom Ende dieser Diskriminierung ist. Schließlich war Schulz selbst lange Dorfschulze, ehrenamtlich, in einem Kaff namens Würselen. Wie man das schreibt? Ja, genau. BERT SCHULZ

Am deutschesten

Schulz! Schulz! Schulzschulz! Schulz. Schulz! Schulzschulzschulz!

Mein Telefon qualmt zurzeit mächtig. Der Kater, auch Schulz, kann nicht mehr. Endlich nimmt er doch noch ab (das konstruierte Plastikteil, diskursiv-elektrisches Eklektikum): „Hallo, hier Schulz vom Melitta-Kurier, was sagen Sie zu …“ „… Schulz? Dasselbe wie gestern. Und Sie?“ „Schulz, Schulzschulz …“ „… auch Schulz, ja, hallo hier Schulz, Schulz, halloho …“ „… Schulz, ja, hierher, drüben, Schuhulz, genau, Schulz, ja, schreibt sich so wie …“ „… Schulz. Schulz! Schulz?“ Unendliche Verdopplungen.

Schulz, Scholz, Schultz, Schulze, Scholtz – die Varianten nur Belichtungsfehler. Der einzig einsilbig selbe Schulz: Da hinten schwebt er; mit fünfundzwanzigeinhalb der Umzug nach Stadtallendorf, vierzig Jahre Vollzeit, Fachdienst Marmeladeprüfung; die Rente ist sicher, im Kleiderschrank cremefarbene Jacken, in der Tasche Kamm und Einweckgummi. Fit noch bis ins hohe Alter, Mimik leicht verkrampft – ein Körper gewordenes „u“. Schifferhose, Schiebermütze, Schulzenpose: Nostalgie, das Pathos des komplettvergilbten Zuckerwürfels.

„Sch“ und „ulz“, vereint und doch gespalten, gleich lang und doch unspiegelbar (deutsche Teilung). So sexy wie Kamillentee und heißes Wasser.

„Sch“, das klingt wie „Scheibe“, „Schweiße“, „Scheiße“. (Die Analfixierung der autoritären Charaktere! Abgründe! „U“ wie Urin! „Schulz“, rülpst er nur und hält den Daumen an die Stirn.) „Ulz“ schreibt sich wie Henstedt-Ulzburg, das ist eine Kleinstadt in Norddeutschland. Von da aus sind sie losgezogen, in die verschiedenen Kriege, haben gehasst, hier so wie auch überall, haben verfolgt, haben gemordet, haben geleugnet, haben verdrängt.

Schulz gilt als deutscher, deutschester Name, und das verrät schon, wie rassistisch „wir“ noch sind. Nicht umsonst steckt „Schuld“ in ihm. Die wird nicht vergehen, auch wenn das manche gerne hätten. Bin ich stolz, ein Schulz zu sein? ADRIAN SCHULZ

Fällt immer nach unten

Es ist hart, ein Schulz zu sein, besonders am Ende. Unsere Eltern haben alles versucht, es vorher ein wenig perlen zu lassen, vielleicht nicht wie Champagner, aber doch zumindest wie der teure Sekt bei Edeka, zwei-, vielleicht sogar dreisilbig: Martin, Golda, Adrian. Sie haben ihr Bestes gegeben, unsere Mütter und Väter, nur um dann mitanhören zu müssen, wie alles Leichte und Prickelnde in jenem Abgrund verschwindet, dem einsilbigen Urlaut, dank des in die untersten Katakomben des Rachenraumes plumpsenden „u“ einem Rülpsen gleich: Schulz.

„Schulz!“, das grunzen sie, wo es billiges Dosenbier gibt. Kurz bevor sie die Plörre hinunterstürzen. Schulz kommt von Schultheiß, das waren Männer mit Macht im Mittelalter, das ist aber auch der Name eines Berliner Eckkneipengesöffs. Wenn auf einem Musikfestival zwischen vollgekacktem Dixieklo und halb zertretenem Igluzelt „Helgaaaaaaaaaaaaaaa“ gerufen wird, dann hat das zwar etwas Herbes, aber Hoffnungsvolles, „Helga“ verkörpert die Freude am Sinnbefreiten, einen Moment des Schwerelosen, des unschuldigen Glaubens, die Welt könne ein Ort des Lachens und des Spielens sein. „Schulz!“ hingegen ist das Gegenteil dessen, es ist das Aus nach acht Sternburg, Oettinger oder Pilsator, die Erkenntnis, dass auch nach dem wildesten Tanz nichts kommt als Montagmorgen, Kopfschmerz und die Fortsetzung dessen, was vorher war.

Müller steht einfach nur in der Gegend herum, Lehmann versucht sich in die Lüfte zu erheben, wie ein Schwarm sommerdicker Enten auf dem Weg nach Süden. Vielleicht kommen sie an Weber oder Peters vorbei, zwei Wölkchen am Nachnamenhimmelszelt, aber sicher nicht an Schulz, denn Schulz fällt immer nach unten.

Schulz kennt die sieben Höllen und die Finsternis darunter. Wir, die wir den Namen Schulz tragen, streben daher nach Höherem, nach dem Guten und Schönen, nach dem Licht, und wir nehmen auf diesem Weg alles mit. Wir essen nicht, wir fressen, wir trinken nicht, wir saufen, wir reden nicht, wir erzählen, wir schreiben nicht, wir versuchen zu dichten, wir haben Frauen und Männer so lange und so viel wir können, denn auch wenn wir nicht viel wissen, so wissen wir doch eines: Dass am Ende alles Schulz ist. DANIEL SCHULZ

Einfach untergehen

Martin Schulz ist ein sehr guter Name. Martin gehörte das gesamte 20. Jahrhundert über zu den beliebtesten Vornamen für männliche Neugeborene, Schulz steht auf der Rangliste der häufigsten Nachnamen Deutschlands auf Platz neun. Beides für sich genommen, kann den Namensträgern schon enorme Vorteile einbringen, die Kombination aus beidem potenziert den Nutzen zusätzlich. Da Tobias Schulze in dieser Hinsicht in einer Liga mit Martin Schulz spielt, spreche ich aus Erfahrung.

Ein Tobias Schulze ging zum Beispiel eine Stufe unter mir auf dasselbe Gymnasium wie ich. Ich wusste nicht viel über ihn, außer, dass er im Gegensatz zu mir ein hervorragender Fußballspieler war. Auf der Lokalsportseite des Südkuriers stand also jeden Montag, ich hätte am Wochenende mal wieder drei Tore geschossen. So viel Ruhm für so wenig Leistung habe ich seitdem nie wieder eingefahren.

Ein anderer Tobias Schulze sitzt seit letztem Herbst für die Linkspartei im Berliner Abgeordnetenhaus, zuvor arbeitete er in einem Bundestagsbüro. Er ist in seiner Partei gut vernetzt, was für meinen Job sehr hilfreich ist. Einmal bekam ich eine SMS von einer unbekannter Nummer: „Lieber Tobias“, schrieb eine Katja, „was hältst du von den Plänen für den 20. 6.?“ Ich wusste von keinen Plänen, aber so einfach wie damals bin ich selten an die Handynummer einer Parteivorsitzenden gekommen.

Im Internet gibt es dann noch eine Reihe weiterer Tobias Schulzes. Den Schauspielcoach, den Kaminbauer und den Rechtsanwalt zum Beispiel. Auch ihnen bin ich dankbar: Sollte ich einmal wider Erwarten einen richtig schlechten Text schreiben, mit groben Fehlern, Unterlassungserklärung und Gegendarstellung, wird mir das nicht lange nachhängen. Auf Google würde diese Angelegenheit nämlich unter den übrigem 541.000 „Tobias Schulze“-Treffern untergehen.

Und damit kann sich auch Martin Schulz trösten: Selbst wenn er die SPD im September unter 20 Prozent führt, wird sein Name nicht ewig mit der Wahlschlappe verbunden sein. Irgendwann kommt sicher ein anderer Martin Schulz, ein Sänger oder ein Astronaut vielleicht, und verdrängt ihn von Seite eins der Suchergebnisse. TOBIAS SCHULZE

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