Der Kampf ums gute Leben

Warum es keine Utopie sein muss, dass unsere Lebensweise 2018 solidarischer und nachhaltiger wird

Illustration: Eléonore Roedel

Wir leben in einer paradoxen Situation. Auf der einen Seite wissen wir ziemlich gut, dass sich in der Welt einiges ändern müsste. Unsicherheit und viele offene Kriege, soziale Spaltung und eine unzureichende Existenzsicherung für viele Menschen hierzulande, Verelendung und Tod in vielen Ländern des globalen Südens, ökologische Zerstörung heute und weitere in der Zukunft. Eine scheinbar kaum aufzuhaltende politische Rechtsentwicklung macht wütend oder lässt resignieren. Den taz-LeserInnen muss ich das alles gar nicht erläutern.

Auf der anderen Seite soll es dann doch irgendwie so bleiben, wie es ist. Es lebt sich für viele nicht schlecht unter Bedingungen der „imperialen Lebensweise“. Wir greifen in unserem Alltag recht selbstverständlich auf Produkte zurück, die unter naturzerstörenden und ausbeuterischen Bedingungen anderswo hergestellt wurden. Das geschieht meist unbewusst – beziehungsweise wollen es viele gar nicht so genau wissen. Es ist aber nicht nur das individuelle Handeln, das diese alles andere als solidarische oder nachhaltige Lebensweise am Laufen hält. Es sind auch machtvolle Produktionsstrukturen, die in der kapitalistischen Konkurrenz Handys, Autos und Nahrungsmittel produzieren, Profite und Wachstum generieren. Die imperiale Lebensweise steht für den zunehmenden Zugriff des Kapitalismus auf die Lebensverhältnisse, ist mit globaler wie nationaler Ausbeutung und Ungleichheit verbunden, verschärft Ressourcenkonflikte und zerstört die Umwelt.

Die imperiale Lebensweise, wie sie in Europa gelebt wird, ist statusorientiert und basiert auch auf sozialer Ungleichheit. Die Mittelschichten grenzen sich gegen die unteren Schichten bewusst ab, indem sie zeigen, dass sie sich aufgrund ihres hohen Einkommens etwa ein größeres Auto, viele Reisen und mehr Konsum anderer Güter und Dienstleistungen leisten können. Das führt dazu, dass Menschen mit weniger Geld umso mehr ausgeschlossen werden.

Was müsste sich 2018 ändern, damit wir eine Alternative haben zu der Ausformung des Kapitalismus, in der wir heute leben? Wie können wir in der nächsten Zeit die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen erzeugen, die die imperiale Lebensweise eindämmen und eine solidarische Produktions- und Lebensweise stärken?

Vor diesem Hintergrund stelle ich mir 2018 gerne so vor: Irgendwann endet das ganze Geschwurbel um die Regierungsbildung damit, dass die SPD von den Medien und dem eigenen rechten Parteiflügel buchstäblich in die Große ­Koalition reingeprügelt wurde, eine „Groko“, die ja übrigens mit 53,4 Prozent der Stimmen und 399 von 709 Sitzen im Bundestag so groß gar nicht ist. Das Mantra lautet: Stabilität! Keine Experimente!

Immer mehr Menschen wird aber deutlich, dass es einer progressiven Alternative bedarf, um drängende Zukunftsfragen anzugehen: Umgang mit Einwanderung und angemessene Integrationspolitik statt Ausgrenzung, die Vermeidung kommender Krisen durch den weiterhin dominanten Finanzmarktkapitalismus. Es steht der sozialökologische Umbau der Wirtschaft an inklusive Rückbau der Automobilindustrie; gute Arbeit für alle statt Prekarisierung vieler; die umsichtige politische Gestaltung der Digitalisierung, statt dass sie von Konzernen vorangetrieben wird. Ein politisches Bündnis wird also notwendig, das nicht wie Angela Merkel und Wolfgang Schäuble auf die weitere Spaltung Europas setzt, sondern auf eine politisch und wirtschaftlich attraktive Union.

Das Unbehagen an der imperialen Lebensweise wird deutlicher. Angesichts der politischen Rechtsentwicklung der letzten Jahre aktiviert sich die Zivilgesellschaft noch stärker in Bereichen wie Armutsbekämpfung, Integration, Antirassismus, solidarische Ökonomie oder Umweltpolitik.

Parteipolitisch werden im Jahr 2018 wieder stärker rot-rot-grüne Optionen diskutiert. Neben parteipolitischen Annäherungen verschieben sich die gesellschaftlichen Debatten. Der Zusammenhang zwischen der Lebensweise hierzulande und den sozialökologischen Katastrophen andernorts, aber auch der immer unsinniger werdenden Fixierung auf Wachstum und Status wird nicht länger verleugnet. Die SUV-Monsterautos werden für immer mehr Menschen zum Symbol umweltpolitischer Ignoranz und albernen Statusdenkens der Eliten oder jener, die gern dazugehören wollen. Eltern organisieren sich gegen Feinstaubbelastung und Lärm, soziale Bewegungen demonstrieren für „autobefreite“ Städte, und Kinder erobern sich den jahrzehntelang zugeparkten öffentlichen Raum zurück.

Die Lügen der Manager und deren Besoffenheit an den hohen Profiten (vor allem an den Standorten außerhalb Deutschlands), die Engstirnigkeit der Anteilseigner erzeugen Unmut. Immer mehr wird im Lichte von Dieselskandal und Tricksereien von Autoindustrie und Staat deutlich, dass es hier gründlicher Veränderungen bedarf – die nicht auf dem Rücken der Beschäftigten geschehen darf. Der Ausbau des öffentlichen Verkehrs und der Fahrradinfrastruktur wird aus der Gesellschaft heraus verlangt. Viele kommunale Regierungen machen mit. Damit werden die Städte nicht nur lebenswerter, sondern die Menschen mobiler und gesünder.

Auch die Mobilität auf dem Land wird zunehmend öffentlich und gemeinschaftlich mit hoher Qualität organisiert. Die autofreien Sonntage, zunächst wüst von den Gegnern beschimpft, werden in den Innenstädten von Berlin, Hamburg, München, Wien und anderswo zu wahren selbst organisierten Volksfesten. Schwere Zeiten für die Dieselbefürworter. Aber auch die Fassade des angeblich umweltfreundlichen Elektroautos bröckelt.

Es wird produktiv gestritten, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen eigentlich ein gutes und auskömmliches Leben für alle möglich ist, das nicht zulasten der Natur und der Menschen im globalen Süden geht, aber auch nicht die gemeinen Zumutungen hierzulande für die Schwächeren aufrechterhält.

Klar, gutes Leben heißt für die meisten heute, ein Eigenheim zu haben, Zugang zu den Produkten, die über den Weltmarkt bereitgestellt werden; Dinge, die man möglichst schnell erneuern kann, weil sie so günstig sind. „F + F“ – Fleisch und fliegen als Sinnbild für materiellen Wohlstand. Doch nach und nach brechen Selbstverständlichkeiten auf. Die Ende-Gelände-Bewegung erreicht eine breite gesellschaftliche Debatte über den raschen Kohleausstieg. „Zurück zum Sonntagsbraten“, wenn überhaupt noch Fleisch, wird zum Motto verantwortlicher Ernährung.

Die wachstumsfixierte und konservative Gegenseite und ihre medialen Unterstützer kontern natürlich. Diese Debatte über ein gutes Leben für alle hantiere, so ihr Argument, ohnehin nur mit Verboten. Ja, mehr noch, eine besserwisserische „Ökoelite“ wolle der Gesellschaft vorschreiben, wie sie zu leben habe, damit Klimawandel und andere Umweltprobleme eingedämmt werden. Das, so der scharfe Tenor, sollten sich die Leute nicht gefallen lassen. Klima- und Umweltthemen könnten nur angegangen werden, wenn Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit (notfalls zulasten anderer Länder) gesichert wären.

Foto: Bärbel Högner

Ulrich Brand

ist Professor für Internationale Politik an der Universität Wien, Mitherausgeber der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ und Mitglied im Kuratorium des Instituts Solidarische Moderne.

Doch dieser Tobak wirkt irgendwie schal. Viele Menschen erleben eine enorme Arbeitsverdichtung, gleichzeitig haben die Hartz-Reformen zur Prekarisierung und gesellschaftlichen Spaltung geführt. Sie sehen die zunehmende Vermögenskonzentration, wobei den Ärmeren gesagt wird, sie müssten den Gürtel enger schnallen. Zudem konnten wir in den letzten Jahren feststellen, dass in Krisensituationen die Politik autoritärer wird: Ein Großteil der Eliten versucht sich schadlos zu halten, notfalls ohne Rücksicht auf Verluste und zulasten von Teilhabe. Statt des trotteligen Vorwurfs in Bezug auf Verbote wird deutlich, dass es vielmehr um angemessene Regeln zugunsten eines guten gesellschaftlichen Miteinanders geht, nicht zugunsten Mächtiger und Privilegierter.

Solche Regeln betreffen auch die Erwerbsarbeit, von der Menschen weniger abhängig sein sollten. Irgendwann ist es vielleicht für alle okay, 20 oder 25 Stunden pro Woche zu arbeiten, nicht nur für jene in oft erzwungener Teilzeit. Die bisherige Hierarchie zwischen anerkannter Erwerbsarbeit und weitgehend von Frauen geleisteter Reproduktionsarbeit könnte verändert werden, wenn alle mehr Zeit für andere, für gesellschaftspolitisches Engagement und für sich selbst hätten. Und die Menschen bräuchten weniger Geld. Sie müssten nicht 400 Euro mehr im Monat fürs Auto verdienen, weil sie kein Auto mehr bräuchten. Sie könnten sich in den Städten oder auf dem Land gut bewegen, aber sie müssten dafür nicht so viel Geld verdienen.

Unter gutem Leben im Sinne von Wohlstand und Lebensqualität wird zunehmend ein sinnerfülltes Leben verstanden, das materiell abgesichert ist. In Notfällen wie Krankheit und Arbeitslosigkeit kann man auf gesellschaftliche Unterstützung zurückgreifen. Ein transparenter und demokratisch organisierter öffentlicher Sektor, der sich nicht am Profitprinzip orientieren muss, aber mit den finanziellen Ressourcen sorgfältig umgeht, würde wichtiger werden. Insbesondere die in vielen Ballungszentren drängende Wohnungsfrage kann nicht nur den Privaten überlassen werden, sondern bedarf neben starken Regeln auch des öffentlichen oder öffentlich geförderten Wohnungsbaus.

Ein Leben im Bewusstsein, dass die ökologische Krise sich zuspitzt und dass gleichzeitig viele andere Menschen auf der Welt auch ein gutes Leben haben wollen, ob in China oder Brasilien. Die Diskurse und politischen Initiativen sind nicht moralisierend nach dem Motto: „Hast du immer noch einen nicht nachhaltigen Lebensstil?“, sondern kombinieren Eigenverantwortung und die Lust am Ersetzen (die Gegner sagen „Verzicht“) mit politischen Forderungen. Das Ersetzen des Autos muss eben mit gutem öffentlichem Verkehr und einem Umbau der Automobilindustrie einhergehen, die Reduktion des Fleischkonsums mit der Schließung der Tierfabriken.

Das 4,95-Euro-T-Shirt von H&M ist kulturell nicht mehr „geil“ und wird über erkämpfte Umwelt- und Sozialstandards in den Produktionsländern auch nicht mehr möglich sein. Das ist der transformative Dreischritt: Rahmenbedingungen, sich verändernde Bedürfnisse der Menschen sowie andere gesellschaftliche Diskurse und Selbstverständlichkeiten. 2018 bekommt das klarere Konturen.