Kommentar Weltkriegsgedenken

Internationalismus ist nötiger denn je

Das Ende des Ersten Weltkiegs war der Beginn einer regelbasierten Weltordnung. Das Erinnern daran ist auch noch heute wichtig.

Melania Trump, Donald Trump, Merkel und Macron bei einer Gedenkveranstaltung

Rund 60 Staats- und Regierungschefs sind zu einer Gedenkfeier nach Paris gereist Foto: dpa

Das Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges bleibt in Europa geteilt. In Frankreich und Großbritannien prägt das Massenschlachten von 1914 bis 1918, das ein Viertel der Menschheit direkt betraf und fast 20 Millionen militärische und zivile Opfer forderte, die nationale Gedenkkultur. Im Geschichtsbewusstsein der Deutschen ist es hingegen zu einer Randnotiz verkommen.

Dieses Vergessen verleitet in Deutschland zu einem Vergessen der Grundlagen der regelbasierten internationalen Weltordnung, deren Verteidigung die deutsche Außenpolitik sich eigentlich auf die Fahnen schreibt. Der Erste Weltkrieg war der erste der Geschichte, dessen Beendigung nicht nur Sieg und Niederlage festschrieb, sondern auch eine Weltordnung zu gründen versuchte, die solche Kriege unmöglich machen sollte.

Nicht nur war der militärische Eintritt der USA in den Krieg ab 1917 an der „Westfront“ kriegsentscheidend – der politische Vorstoß der USA, Frieden mit Deutschland von politischen Bedingungen abhängig zu machen, läutete ein neues Zeitalter ein. Nie zuvor waren Ideen wie die Selbstbestimmung der Völker, nationale Abrüstung und eine auf Regeln statt auf Geheimdiplomatie fu­ßende internationale Sicherheitsarchitektur zu Fundamenten eines Friedens erklärt worden.

Die Sprengkraft von Wilsons Idee ist ungebrochen

Die Idee des damaligen US-Präsidenten Wood­row Wilson, an die Stelle des ewigen Machtwettbewerbs der Nationen eine globale Rechtsordnung zu setzen, ist das eigentliche revolutionäre Erbe des Jahres 1918. Sie wurde danach von reaktionären Kräften bekämpft und schließlich zu Fall gebracht. Hitler und Stalin stehen an der Spitze der Staatsführer, die weiterhin in Kategorien von territorialer Ausdehnung, von unbeschränkter nationaler Souveränität, von Einflusssphären und von Lebensräumen dachten und handelten.

Doch die Sprengkraft von Wilsons Idee ist ungebrochen. Und es kennzeichnet die tiefe intellektuelle und politische Konfusion der Gegenwart, dass die Grundsätze von 1918 heute sogar von manchen Kräften, die sich als progressiv definieren, abgelehnt werden – weil sie nicht nur eine Weltordnung begründen, sondern auch ein internationalistisches Selbstverständnis der USA als Weltpolizist. Humanitäre Interventionen oder Schutzverantwortung sind in der deutschen außenpolitischen Debatte fast zu Unworten verkommen, weil sich niemand mehr erinnern mag.

Diejenigen, die die alte Welt des Dauerkonflikts schätzen, wähnen sich wieder einmal auf der Siegerseite der Geschichte: Putin und Trump, Xi und Erdoğan, Assad und Kim, Bolsonaro und Duterte, Maduro und Bashir, Orbán und Salvini, um nur einige zu nennen. Ihre Geisteshaltung führte vor 100 Jahren in die Katastrophe. Damals war Internationalismus nötig, um die Welt wieder aus dem Abgrund herauszuführen. Heute auch.

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Seit 2011 Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und seit 1990 Afrikaredakteur der taz.

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