Nominierte 2008: Michael Grolm

Sachbeschädigung?

Nein: Rettungsmaßnahme! Der Imker und Agraringenieur Michael Grolm befreit Felder vom Gendreck.

Bild: Anja Weber

Man könnte ihn Schlossherr nennen, doch das mag er nicht. Michael Grolm steht zwar inmitten einer Postkartenidylle inklusive Herrensitz im Hintergrund. Sein Schloss aber ist genossenschaftlich organisiert, und damit die Idylle blüht, zieht der 36-Jährige regelmäßig ins Feld: Der Berufsimker kämpft gegen den Anbau gentechnisch manipulierter Pflanzen.

Die weiße Schutzmaske mit Netz trägt er leger auf den Schultern, ohne Handschuhe steht er seelenruhig bei den Waben und lobt die Bienen. Ob er sich inmitten des Schwirrens nicht fürchte, wo er doch deren Ernte stehle? "Warum? Sie sind meine Partner", kontert er, "ich sorge für ihre Verpflegung und beschütze sie, die Bienen merken das." Für neun Sorten Honig kooperieren sie mit ihm, wandern von Akazien zu Kastanien, von Linden zu Tannen.

In der Schlossimkerei stellt Grolm die vollen Waben in die Schleuder. Eine Kachel mit dem Heiligen Ambrosius schmückt den nüchternen Raum.

Michael Grolm vertraut dem Schutzheiligen der Imker. Denkt er allerdings an den Genmais, der auf immer mehr Feldern sprießt, verlässt er sich lieber auf zivilen Ungehorsam. Deshalb leistet ein Aufruf zum gentechnikfreien Wochenende Ambrosius Gesellschaft. Das leuchtend gelbe Plakat soll bis zu 1.000 Menschen zur Feldbefreiung in Westheim bei Würzburg am 29. Juni mobilisieren.

Vor drei Jahren gründete Grolm die Initiative "Gendreck-weg". Der Name soll die blumige Rhetorik mächtiger Firmen, die mit gentechnisch verändertem Saatgut handeln, in ein anderes Licht rücken. Der studierte Agraringenieur stellt klar: Koexistenz mit gentechnisch manipulierten Pflanzen gibt es nicht.

Der Honig ist nur ein Beispiel von Lebensmitteln, die ungewollt mit gentechnisch veränderten Organismen belastet werden. Gentechnikfreie Lebensmittel sind immer aufwändiger und irgendwann unmöglich zu produzieren. Koexistenz sei vielmehr K.O.-Existenz, erläutert Grolm, "das wäre, wie wenn ich ein Schaf mit einem Wolf einsperren würde, um zu beobachten, was passiert". Die Gentechnikkonzerne konzentrieren sich auf einzelne, hochgezüchtete Pflanzen, gefährden damit die Sortenvielfalt und gewinnen Macht. Es ist dieses Kulturgut der Bauern, das Grolm verteidigt: Die Gentechnik vernichtet unwiederbringlich über Generationen erworbene und gepflegte Schätze. Dennoch werden in Deutschland seit 2005 großflächig gentechnisch manipulierte Pflanzen angebaut. Die Verteilung der Anbauflächen zwischen alten und neuen Bundesländern ist dabei äußerst ungleich, die meisten Flächen sind in den neuen Ländern. Am wenigsten noch in Thüringen, Grolms Bienen können sich glücklich schätzen.

Die Feldbefreier unterzeichnen bei den Aktionen jeweils eine Absichtserklärung mit Name, Beruf und Ort. Und gehen friedlich auf das Feld, um die gentechnisch veränderten Pflanzen auszureißen oder umzuknicken. Solche Aktionen seien ein Akt der Bewahrung, nicht der Zerstörung, erklärt Michael Grolm. Diese Unterscheidung ist ihm wichtig, denn es sind Menschen wie er, die größtenteils aus der Landwirtschaft kommen und die vom Anbau der Gen-Pflanzen unmittelbar betroffen und in ihrer Arbeit eingeschränkt werden. Die Aktionen sind bunt und einfallsreich. Einmal deponierten Aktivisten Mist vor die Monsanto-Zentrale, ein anderes Mal spielte die Musikgruppe Lebenslaute die Bauernkantate von Bach auf einem Genacker.

Und wer kommt in den Genuss der Bauernkantate? "Unsere Gegner sind egoistische Menschen, die auf Kosten der Allgemeinheit auf ihre Vorteile aus sind - namentlich sind das internationale Firmen wie Monsanto & Co., die eben auch Einfluss auf die Politik nehmen", erklärt der engagierte Imker. Einfluss auf die Politik will auch die Initiative "Gendreck-weg" nehmen. Deshalb nutzen die Aktivisten die Verhaftungen und Gerichtsverhandlungen nach den Aktionen als öffentliches Forum. Während im Gerichtssaal die einen auf "Sachbeschädigung" klagen und die anderen auf "Rettungsmaßnahme" plädieren, wappnen sich vor dem Gericht die Feldbefreier mit Charme, installieren Biertische und lassen Musik aufspielen.

Gerade kürzlich verurteilte ihn das Gericht zu zwei Tagen Gefängnis. Davon lässt er sich nicht einschüchtern, sondern hofft, zum Nachdenken anzuregen: "Warum geht ein Berufsimker dafür in den Knast, dass er ein paar Maiskolben umknickt?" Lohnt sich dieses Spiel von David gegen Goliath? Die Antwort kommt schnell und ohne Zögern: "Es lohnt sich mein Leben, also lohnt sich auch dieser Kampf."

Kontakt: www.gendreck-weg.de, www.schlossimkerei.de, www.trek-for-nature.de

Gina Bucher