Die Nominierten 2010: Farzin Akbari Kenari

Der Retter, der selbst ganz unten war

Farzin Akbari Kenari berät psychisch kranke MigrantInnen aus Iran, Irak, der Türkei und aus Afrika - ein selbstloses, einzigartiges Engagement in Leipzig

Bild: Anja Weber

Als ich jünger war, habe ich nie gedacht, dass ich einmal so viel kämpfen muss", sagt Farzin Akbari Kenari. Er hat ein offenes Gesicht, Lachfältchen um die Augen und einen traurigen Zug um den Mund. Der 40-jährige Iraner lebt seit zehn Jahren in Deutschland, ebenso lange kämpft er schon. Darum, dass er selbst nicht unter die Räder kommt. Vor allem aber um Menschen, denen es schlechter geht als ihm. Farzin Akbari Kenari ist zugleich Opfer und Retter, Hilfesuchender und Therapeut. Die Geschichte seines Engagements für suchtkranke und selbstmordgefährdete MigrantInnen lässt sich nur vor dem Hintergrund seines eigenen Schicksals erzählen.

Bis zu seinem 27. Lebensjahr hat Kenari im Iran gelebt. Als Psychologe an einer Teheraner Klinik war er hoch angesehen, er führte ein gutes Leben. Über das, was danach kam, spricht der untersetzte Mann mit dem schütteren Haar nicht mehr. Zu mächtig ist die Angst vor dem iranischen Geheimdienst, von dem er sich immer noch bedroht fühlt. Fakt ist: Kenari hat seine Heimat, seine Familie, eine Zukunft als Therapeut hinter sich gelassen. Sein Heimweh, sagt er, ist ihm bis heute unerträglich.

Nach knapp drei Jahren in Rumänien kam er nach Frankfurt am Main. Kaum war er in Deutschland, begann auch sein ehrenamtliches Engagement. Kenari, der damals kein Wort Deutsch sprach, half mit seinem Englisch anderen Iranern bei Behördengängen und Arztbesuchen. Für ihn selbst folgte eine siebenjährige Odyssee durch sächsische Asylbewerberheime.

Lange hat Farzin Kenari zusammen mit Obdachlosen in einem ehemaligen Pferdestall gelebt, zwanzig Kilometer von Leipzig entfernt. "Damals war ich ganz unten. Aber ich habe nicht den Charakter, mich damit abzufinden." Dreimal wurde sein Asylgesuch abgelehnt, doch Farzin Kenari gab nicht auf, er kämpfte um seine neue Heimat.

Und er hatte noch genug Kraft für jene, die nicht so standhaft sind wie er. In den Asylbewerberheimen begegnete er Menschen, die an den Belastungen des Exils zerbrachen, die im Strudel aus Hoffnungslosigkeit und Drogensucht versanken. "Ich war ein Hilfesuchender wie die anderen. Aber gleichzeitig sagte etwas in mir: Farzin, du musst diesen Menschen helfen." Neben seinem Engagement als Dolmetscher fing Kenari an, suchtkranke und selbstmordgefährdete Flüchtlinge zu beraten. "Diese Menschen sterben langsam - nicht biologisch, sondern sozial", sagt er, "das konnte ich als Psychologe nicht mit ansehen."

Nach kurzer Zeit kannten alle Sozialarbeiter der Leipziger Asylbewerberheime den immer freundlichen, meist lächelnden Kenari. Immer mehr Fälle wurden an den Psychologen, dessen Abschluss in Deutschland nicht anerkannt wird, herangetragen. "Einmal kam einer zu mir, groß wie der Türrahmen. In seiner Heimat war er Karate-Champion, jetzt ein gebrochener Mann. Da dachte ich: Jetzt reicht es."

Vor fünf Jahren gründete Kenari mit anderen Frauen und Männern unterschiedlichster Herkunft die Arbeitsgruppe IKUSH - die "Interkulturelle Suchthilfe Leipzig". Neben der Betreuung Suchtkranker leisten sie Aufklärungsarbeit bei Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen. "Wenn du wirklich helfen willst, dann musst du mit den Augen der Betroffenen sehen" - mit dieser Philosophie arbeitet Farzin Kenari nicht nur bei IKUSH. Er hilft und übersetzt auch bei etlichen Leipziger Beratungsstellen für Flüchtlinge und MigrantInnen, schiebt Ladendienste im Eine-Welt-Laden, besucht Betroffene in Asylbewerberheimen und der Justizvollzugsanstalt. Etwa fünfzig Seminare und Vorträge hält Kenari im Jahr, 80 MigrantInnen betreut er regelmäßig. Geld bekommt er für die wenigsten seiner Engagements. "Aber wenn jemand zu mir sagt: ,Seit fünf Jahren hat mich niemand mehr so verstanden, wie du mich heute verstanden hast' - dieses Licht in den Augen, das bringt mir so viel Kraft."

Seit 2006 hat Farzin Kenari einen gesicherten Aufenthaltsstatus, dieses Jahr hat er seine Einbürgerung beantragt. Er lebt inzwischen in einem Zimmer im Leipziger Norden. Neben all seinen ehrenamtlichen Tätigkeiten hat er begonnen, Medizin zu studieren. Meistens ist Kenari voller Optimismus und Tatendrang. Nur die Nachrichten aus der alten Heimat quälen ihn. Viele seiner engsten Verwandten sind in den letzten Jahren gestorben, sein Vater und zwei seiner Brüder sind krank.

Nach einem Jahrzehnt in Deutschland ist Farzin Kenari noch immer Opfer und Retter zugleich. Einer, der auch darum ringt, selbst nicht den Mut zu verlieren. "Aber dann kommt immer ein Anruf, dass jemand Hilfe braucht", sagt er. Farzin Akbari Kenari wird wie immer da sein und verstehen wie kein anderer.

 

Manuela Heim