Nominierte 2005: Sinan und Saithan

Zwei türkische Jungen zeigen Gesicht

Sinan und Saithan kämpfen offensiv für die Freiheit ihrer Schwestern.

Bild: Andrea Baumgartl

Weil die Straßen in Berlin-Neukölln den Jungs gehören, treffen sich die muslimischen Mädchen im „MaDonna Mädchenkult.Ur e.V.“, einem multikulturellen Mädchen-Treffpunkt im Problemkiez Rollbergviertel. Der Treff befindet sich unweit der Gegend, in der im Februar Hatün S. von ihren Brüdern ermordet wurde, weil sie angeblich die Familienehre befleckt hatte. Sie hatte ihr Leben nicht nach den traditionellen islamischen Vorgaben gelebt.

Jungen dürfen eigentlich nicht in den Treff, Sinan und Saithan schon, denn sie sind anders als die Mehrheit ihrer Altersgenossen. Während die meisten Jungs den Mädchentreff beargwöhnen– ein Ort, der sich ihrer Kontrolle entzieht, an dem Kuppelei betrieben und die Ehre ihrer Schwestern und der Familie beschmutzt werden könnte –, gehen Sinan und Saithan dort ein und aus. Sie nämlich finden, dass Ehre bedeutet, für die Freiheit ihrer Schwestern zu kämpfen – und so steht es auch auf den Postkarten, auf denen die beiden erkennbar abgebildet sind und die in Schulen, Behörden, Jugendeinrichtungen und Cafés verteilt werden. 

Sich vom Cliquenzwang befreien

Erkennbar für all die anderen Jungen, die auf keinen Fall ihren Platz hätten einnehmen wollen. Die Betreuerinnen von MaDonna hatten große Schwierigkeiten, männliche Models für die Postkartenaktion zu finden: „Alle, die wir gefragt haben, haben dankend verneint. Die wollten sich nicht blamieren. Es war schwer für Sinan und Saithan, sich von diesem Cliquenzwang zu befreien – die hatten am Anfang einfach Angst vor den anderen Jungs. Die beiden sind so mutig“, findet Funda Biter und hofft auf einen Schneeballeffekt: „Man muss mit Jungen wie diesen zusammenarbeiten und hoffen, dass sie zu Vorbildern werden.“

Sinan und Saithan sitzen im Computerraum des Mädchentreffs, Sinans Freundin sitzt nebenan mit den anderen Mädels. „Ein Mädchen zu erschießen, weil sie fremdgegangen ist – ich finde das nicht normal“, sagt Saithan, der eine 13-jährige Schwester hat. „Meine Schwester trägt Kopftuch, aber sie macht das freiwillig, aus Liebe zu Gott, und nicht, weil meine Eltern sie dazu gezwungen hätten“, erzählt er. „Wir leben doch nicht hinter dem Mond.“

Sinan fühlt sich als „ganz normaler Jugendlicher“, der sich nicht vorstellen kann, seinen drei Schwestern etwas anzutun: „Die meisten Jugendlichen würden so etwas nicht tun, die Väter vielleicht schon, aber in Deutschland trauen die sich das nicht.“ Einmal im Jahr fährt er zu seiner Familie nach Anatolien, und dort ist es bereits ein Problem, wenn Frauen kurze Röcke tragen: „Da wird dann gleich geredet, eine Frau verliert sehr schnell ihr Gesicht, wenn sie mit einem Mann gesehen wird“, erzählt er. Sinan kann sich über die Ansichten seiner gleichaltrigen Verwandten nur wundern: „Die sind schon komisch drauf.“ 

Keine Brüder, vor denen Schwestern Angst haben müssen

Als er zugesagt hatte, bei der Postkartenaktion mitzumachen, hatte er zunächst Angst vor der Reaktion seines Vaters. Völlig unbegründet, seine Eltern fanden es gut, dass er so gehandelt hat. Sinan und Saithan sind keine Brüder, vor denen Schwestern Angst haben müssten, denn Zwangsheiraten und Ehrenmorde gelten den beiden als abseitig. Stattdessen spielen sie lieber Fußball – Sinan als einziger „Ausländer“ im Ostberliner Verein BFC Dynamo – und bereiten ihren beruflichen Werdegang vor.

Saithan möchte nach dem Realschulabschluss auf das Gymnasium gehen und einen Beruf ergreifen, „in dem ich sehr viel Geld verdiene“. Sinan geht zurzeit auf eine Hauptschule und möchte den Realschulabschluss machen, danach Bürokaufmann im Einzelhandel werden. Sinan und Saithan haben keine Berührungsängste mit Deutschen, auch wenn sie als Kreuzberger abends fast nur gleichaltrige Türken treffen: „Viele Eltern sagen: Treff dich nicht mit deutschen Mädchen. Die denken, die Deutschen dürften alles machen. Sie haben nichts gegen die Deutschen als Menschen, aber finden auch, dass sie nicht der richtige Umgang sind“, erzählt Saithan.

Funda Biter vom MaDonna-Treff kennt die Kehrseite dieser Mentalität: Mädchen, die zerrissen sind zwischen der westlichen Gesellschaft und den Werten ihrer Familie, die nicht mehr zum Schwimmunterricht dürfen und irgendwann völlig von der Bildfläche verschwunden sind. Sinan und Saithan wollen da nicht mitmachen: „Viele hätten Angst, das zu tun, was wir tun, hätten Angst, ausgelacht oder ausgestoßen zu werden.“

Martin Reichert