Nominierte 2008: Julius Deutsch

"Ich bin ein Bastler"

In "Schmetterling und Taucherglocke" kommuniziert der Protagonist nur mühsam. Hätte er nur Julius Deutsch gekannt

Die Begegnung mit dem jungen Mann, war folgenreich für Julius Deutsch: Der 18-Jährige war spastisch gelähmt und konnte lediglich den Kopf kontrolliert bewegen. Um sich mitzuteilen benutzte er Kommunikationstafeln; durch nickendes Deuten auf Buchstaben bildete er Wörter. "Das war grausam", sagt Julius Deutsch. "Ich dachte, das muss doch auch anders gehen. Der junge Mann machte einen so wachen Eindruck auf mich." Er beschloss, zu helfen und entwickelte ein Computer-Programm, das die Kommunikation erleichtern sollte.

Das war Ende der 80er Jahre. Julius Deutsch programmierte noch in Basic, "ein kleines, einfaches Programm", sagt er bescheiden. Dabei ist er eigentlich Chemiker. Doch das kleine, einfache Programm war für den jungen Behinderten eine große Hilfe: Mit einem Klickhebel am Kopfteil des Rollstuhls konnte er ab sofort durch Kopfbewegungen den Cursor auf einem Computerbildschirm steuern und Wörter zusammenfügen. Dank eines Sprachprogramms, das diese Wörter umsetzt, konnte er sogar bald darauf auch mit Ton kommunizieren. Das war - trotz der Schwere seiner Behinderung - ein riesiger Fortschritt, fast ein neues Leben. Er konnte reden. Und Julius Deutsch konnte es seitdem nicht mehr lassen, Behinderten zu helfen.

1989 gründete er gemeinsam mit einem Sozialpädagogen in Berlin den gemeinnützigen Verein Kommhelp. Ziel des Vereins ist es, Behinderten individuelle Soft- und Hardware zur Kommunikation zur Verfügung zu stellen. "Computer bieten ein enormes Potential für Behinderte", erklärt Julius Deutsch. Seit 1989 hat der Verein die Entwicklung von rund 25 technischen Hilfsmittel durchgeführt oder initiiert sowie gut 50 behinderte Personen gezielt versorgt. Und seitdem ist kein Tag vergangenen, an dem sich der 62-jährige nicht mit den Problemen Behinderter beschäftigt hat.

Er macht das freiwillig, ehrenamtlich und mit einem geringen finanziellen Budget. "Wir müssen mit Spendengeldern von rund 2000 Euro im Jahr auskommen", sagt er. Aber er lächelt dabei. Und erzählt, wie er sich im Computerladen in seiner Straße die eine oder andere Erfindung löten lässt. Oder dass er seine technischen Tüfteleien aus eigener Tasche bezahlt. "Ich bin von Natur aus ein Bastler", bekennt er fröhlich. Dabei ist die Realität für Behinderte und damit auch für die Menschen, die ihnen helfen wollen, hart. Deutsch beschreibt das Schicksal einer Frau, die durch eine Nervenkrankheit gelähmt ist, und vier Jahre auf die Bewilligung einer Augensteuerung für ihren Computer wartete, da die Krankenkasse das Hilfsmittel nicht genehmigte. Bei einer Augensteuerung werden die Augenbewegungen von der Kamera erfasst und auf dem Monitor umgesetzt. Julius Deutsch erklärt, dass Hilfsmittel, die von großen Firmen angeboten werden, meist mehrere Tausend Euro kosten. "Dabei reicht manchmal eine Webcam und ein kostenloses Programm aus dem Internet."

Kommhelp bietet auch individuelle Beratung und Betreuung an. Julius Deutsch etwa besucht zur Zeit regelmäßig drei gelähmte Frauen. Seit er im Ruhestand ist, kann er sich noch intensiver seiner Aufgabe widmen. Er plant zur Zeit die Gründung eines barrierefreien Computerclubs, der auch den Familien und Betreuern von Behinderten und Blinden Computer als technische Hilfsmittel nahe bringen will. Außerdem möchte er eine Stiftung gründen, um finanziell unabhängig von kommerziellen Anbietern zu sein. Dafür würde er auch gerne das Preisgeld verwenden, falls er den Panter gewinnen sollte. Sein Engagement findet Julius Deutsch überhaupt nicht ungewöhnlich: "Es macht mir Spaß. Ich kann mit einfachen Mitteln viel bewirken."

Kontakt:  http://www.kommhelp.de/

 

Jutta Heeß